April: Immer noch Corona

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IrRelevant – die Monatskritik

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Zorro, Batman und Spiderman. Sie alle tragen Masken. Wir nun auch. Doch eher wie Billy The Kid, Butch Cassidy und Jesse James. 12 Uhr mittags im Supermarkt, anderthalb bis zwei Meter Abstand. Mund und Nase sind bedeckt, die EC-Karte wird aus der Hüfte gezückt, während sich der Schweiß von der Oberlippe unter der Maske den Weg Richtung Kinn bahnt.

Aufatmen, wenn wir wieder unter freiem Himmel sind. Gerade noch davongekommen. Apokalypse oder totalitärer Staat, die Parallelen verdichten sich beim Blick in die Bußgeldkataloge von Corona bis zum Autofahren. Verfehlungen und Unaufmerksamkeiten werden in Zeiten von Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit härter und unnachgiebiger bestraft. Der Weg zum befreundeten Friseur im Keller einer Mietwohnung, ein Akt des Widerstands, des Aufbegehrens und Ungehorsams. Der Rebell trägt im April sauber geschnittenes Haar.

Es ist wahr geworden. Es ist Weltuntergang und keiner geht hin. Höchstens in den Baumarkt. Oder in den Park. Ansonsten schlachtet der Metzger bequem im Homeoffice oder das gesamte Leistungsträgermanagement der Bankier- und Finanzszene sittet die nachwachsende Brut im 400 Quadratmeter Eigenheim. Der April ist verrückt.

Auch an den Börsen. Vor allem in den USA. Während in Europa und Amerika die Realwirtschaft – also die, die auch tatsächlich produziert und existiert – Rekordarbeitslosigkeit und Minuswachstum – also Schrumpfung – verzeichnet, sagen DowJones und Co.: Mit uns nicht! Und steigen nach einem ersten Einbruch wieder auf das alte Niveau. Es funktioniert also doch sich der Realität zu verweigern.

Nur nicht daheim. Der Homeoffice-Computer stürzt häufiger ab als man selbst zu besten Kneipenzeiten. Die Kinder verstehen die Hausaufgaben nicht, weil die Lehrkraft das ganze SkypeGoogleDoodleZoom nicht versteht und der Datenschutz ist auch kein Thema mehr. Wer ist wo und macht gerade was, ist nicht mehr Orwell, keine Zukunftsdystopie, sondern akuter Alltag.

Und wenn die Apps uns nicht verraten, dann die Nachbarn. Der Blockwart kehrt zurück. Die Stimmung wird angespannter. Überall. Vom Klatschen und Singen für Helden des Alltags ist nur ein Seufzen, vom An- und Abstand der Gurkenwurf gegen das Plexiglas der Kassiererin übriggeblieben. Die ersten Proteste sind zu verzeichnen. In den USA wie auch in Berlin.

Wer sich noch nicht vom amerikanischen Präsidenten inspirieren hat lassen und sich Desinfektionsmittel gespritzt hat, der mobbt los, hupt und brüllt gegen die Beschränkungen. Wütend wird gekeift gegen ein Virus, dass sich einfach nicht verziehen will. Wenn wir schon daheim bleiben, dann wollen wir doch Ergebnisse sehen. Wie an der türkisch-griechischen Grenze. Die Flüchtlinge aus dem eigenen Land jagen und dafür wieder süße Delfine hineinlassen. Ein Sieg für die Umwelt. Bisher auch der einzige Sieger während der Pandemie.

Doch die drängendste aller Fragen: Wann darf wieder Fußball gespielt werden? Geisterspiele oder Spiele vor Kleingruppen? Ansonsten droht die Katastrophe. Vereine, die jahrelang mit Geldern um sich warfen und Spielern unmoralisch hohe Summen boten, stehen nun vor dem Aus. Die ersten Bälle werden bereits beim HSV gepfändet, in Nürnberg gibt es nur noch Instant-Kaffee für den Vorstand und der Platzwart in Gelsenkirchen mäht wieder mit einer Sense das Grün. Die Blase Fußball hat sich selbst entzaubert. Der Sport, einst für 22 Männer und zwei Trainer erdacht, die einen Ball auf zwei Tore stolpern, hat sich aufgebläht. Nicht das Spiel ist in der Krise, es ist der Selbstbedienungsladen, der drumherum hochgezogen wurde.

Eines sollten wir von den Notfallsanitätern lernen: Wer am lautesten schreit, der lebt noch. Hilfe brauchen die, die still sind. Theater und andere Kultureinrichtungen, Familien in kleinen Mietwohnungen, die gerade so über die Runden kommen, alte, einsame und kranke Menschen. Vor allem dann, wenn es weder Zorro, Spiderman noch Batman gibt, sondern nur ein paar Revolverhelden, die nur ihre eigenen Interessen für eine Hand voll Dollar verfolgen.

Die USA verzeichnen im April bereits mehr Opfer als im gesamten Vietnamkrieg, wir haben noch Glück in diesem Unglück. Noch. Wenn wir auf ein paar Dollar mehr hören, dann finden wir uns am Ende in Spiel mir das Lied vom Tod wieder. Naja. Oder zumindest im Mai. Der geht dann irgendwann auch – vorbei. Dabei sollten wir uns weniger von emotionalen Diskussionen um Urlaubsreisen anstecken lassen – erst Recht nicht von einem Virus – nein, wir sollten das tun, was wir an den Kassen gerade lernen: Alles auf Abstand, zwei Schritte zurücktreten und einen neuen Blick darauf werfen, was wirklich zählt: Im Juli startet die Formel-1 in Österreich. Gehen wir auch da einfach nicht hin.

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Article by Fabian Schütz

Geboren in der Nähe von Augsburg, aufgewachsen ohne Verstand aber mit sehr lieben Eltern, hat traurige Berühmtheit als Klassenclown erlangt. Danach Buchhändler, dann Student des Journalismus und hat die Liebe zur Kunst entdeckt. Die Kunst des Blödsinns. Seitdem hat er beschlossen die Menschen um sich zum Lachen zu bringen. Er mag keinen Rosenkohl, Hitler und Katzen. Er glaubt das sei die Dreifaltigkeit aus der Hölle.