Baustelle Bayern – Eine WG-Geschichte

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Baustelle Bayern – Eine WG-Geschichte

 

Erstes Geschoss
Hier leben die Blinden
Die glauben was sie sehen
Und die Tauben
Die glauben was sie hören
Festgebunden auf einem Küchenhocker
Sitzt ein Irrer, der glaubt
Alles was er anfassen kann
(seine Hände liegen im Schoss)[]

(aus „Haus Der Lüge“ von Einstürzende Neubauten)

Dröhnen im Kopf

Das Dröhnen eines Presslufthammers schmeißt mich um 7:30 Uhr aus dem Bett. Benommen wanke ich zum Fenster, ziehe die Vorhänge beiseite und blicke in den Hof. Baustelle. Das gegenüberliegende Gebäude wird renoviert, der Platz davor ist bereits aufgerissen.

Kurt, mein Mitbewohner, stürmt ins Zimmer und brüllt, um den Lärm von draußen zu übertönen, „Alter, mach den Scheiß aus, keine Einstürzenden Neubauten vor elf Uhr! Habe ich dir schon mal gesagt!!“

Das bin ich nicht“, sage ich, „das ist schon wieder so eine behinderte Baustelle!“

Klasse“, kommentiert Kurt. „Wir haben noch keine funktionierende Regierung in Bayern, aber die dritte Baustelle in dieser Woche.“

Ein LKW mit Container beladen fährt in den Hof. Die Bauarbeiter geben sich alle Mühe den rostigen Koloss so laut wie möglich abzuladen und zielgenau auf dem Fahrrad des Nachbarn zu platzieren.

Kurt und ich gehen in die Küche. Ich setze Kaffee auf.

 

Herbst in Bayern

Morgenstund‘ hat Gold im Mund. So ein Schmarrn“, grummelt Kurt, „Pflastersteine und Erde, das ist alles was der Morgen hier zu bieten hat. Und Kopfweh vom Lärm wie nach einer durchzechten Nacht.“

Ich räume drei leere Weinflaschen vom Tisch und schlage die Zeitung auf. „Es ist mir ein Rätsel, weshalb immer noch über ein Drittel in Bayern die Union wählen. Warum leidet vor allem die SPD unter der Berliner Regierungsarbeit? Die haben doch noch weniger Mitspracherecht als die Opposition.“

An der gegenüberliegenden Wohnungsfront beginnen Kanalarbeiten. Der Presslufthammer wandert einmal um unsere Wohnung. Im Hof wird jetzt das Gebäude mit einer Schlagbohrmaschine bearbeitet.

Kurt stützt sein Kinn in die eine Hand, mit der anderen schwenkt er den Kaffeebecher. „Ist doch sonnenklar, vielleicht sterben der CSU die Stammwähler weg, aber die Dummen sterben nie aus.“

Das ist zu einfach“, kontere ich den Erklärungsversuch meines Mitbewohners. „Die Wähler wollen das rechte Original – die AfD – , die anderen wählen die Freien Wähler, um die Union zu strafen, was letztlich Jacke wie Hose ist, und der Rest wandert zu den Grünen, nicht um die Grünen zu wählen, sondern die CSU NICHT zu wählen.“

Auf unserem Dach rumpelt es gewaltig. Ein sich aus dem Nichts materialisierender Kran hat begonnen unser Dach abzudecken.

Die Mär von der Wählerwanderung. Das verkaufen uns die Medien als Fakt, obwohl das Problem doch viel tiefer wurzelt: In der Profillosigkeit der Parteienlandschaft“, fügt Kurt hinzu und nippt am Kaffee.

Und die SPD hat gar kein Profil mehr“, ergänze ich und ziehe einen Pulli über. Ohne Dach ist es im Herbst doch recht kalt.

Das ist nicht ihr Hauptproblem, sondern ihr mangelndes Durchsetzungsvermögen…“

…, das daraus resultiert, dass die Sozialdemokraten gar nicht mehr wissen wo genau sie sich durchsetzen sollen“, führe ich den Satz von Kurt zu Ende.

 

Baumaßnahmen im Blaumann

Ein Bauarbeiter im Blaumann betritt grußlos unsere Wohnung, marschiert ins Bad und beginnt Dusche und Waschbecken abzumontieren.

Genau“, sagt Kurt, „und deshalb wäre eine Runderneuerung das einzig sinnvolle. Neue Ideen, neues Personal und dann voller Einsatz in eine eigene Vision, die nicht aus Umfrageergebnissen und Zahlen zusammengezimmert ist; und am Schluss nur den sozialen Deckmantel aufgedrückt bekommt.“

Das wäre auch für die CSU eine Idee. Die können ja nicht warten bis die Parteispitze auch noch wegstirbt. Bis Dorothee Bär und Andreas Scheuer den Löffel abgeben, liegt die AfD vermutlich bei 88 Prozent und die SPD ist eine verblassende Erinnerung in den letzten analogen Schulbüchern .“

Ein weiterer Bauarbeiter schleppt gerade unsere Wohnungstür davon, ein behelmter, bärtiger Blaumannträger baut unseren Herd ab. Es wird gehämmert, gesägt und gebohrt.

Kurt und ich brüllen uns über den Küchentisch hinweg an: „Eigentlich gehört doch das Konzept der Demokratie runderneuert“, schreie ich, „warum müssen sich die Wähler für ihre Wahlwanderung rechtfertigen? Warum findet da eine Ursachenanalyse statt, und nicht bei den Partei-Programmen, die doch Anreiz zur Wahl der Partei sein sollen, stattdessen aber nur billige Werbebroschüren sind?“

Das Gebäude im Hof ist inzwischen einem riesigen Loch gewichen. Die Kanalarbeiten auf der anderen Seite sind zu einer Fracking-Bohrung übergegangen. Ein Bauarbeiter nickt uns grimmig zu, als er den Küchentisch hinausträgt.

Politik ist Selbstvermarktung als Angestellter einer Partei, die sich eher von McKinsey als vom Volk anleiten lässt“, brüllt Kurt im Stehen, da uns gerade die Stühle unter dem Hintern weggezogen werden.

Die Partei ist die Marke, dazu gibt es ein Politiker-Gesicht, aber dahinter ist nicht mehr, als wenn wir vom Marlboro-Mann wissen, dass er einfach gerne raucht“, fasse ich resigniert zusammen.

WAS?“, will Kurt wissen, weil inzwischen das gesamte Haus bebt, die Fracking-Druckwelle sorgt für eine Massage des gesamten Wohntraktes.

 

Wer schreit hat Unrecht?

ES GEHT GAR NICHT MEHR UM IDEEN, ES GEHT NUR UM STIMMEN, UM PRO FORMA MACHTPOLITISCH LEGITIMIERT ZU SEIN!“, versuche ich gegen den infernalischen Krach anzuschreien.

Ein zweiter Container wird gerade auf dem Auto unseres Vermieters abgestellt.

VIELLEICHT MUSS MAN DAS GESAMTE SYSTEM EINFACH MAL REBOOTEN. ALLE LOBBYISTEN VOM HOF JAGEN UND DANN GANZ VON VORNE ANFANGEN. ALLES ABREISSEN UND NEU AUFBAUEN!“, schlägt Kurt destruktiv konstruktiv vor.

ICH GLAUBE NICHT, DASS DIE EINEN NEUAUFBAU IN IHREN REIHEN WIRKLICH WOLLEN“, plärre ich gegen 160 Dezibel geballtes Lärmen an, „DIE BAUEN SICH LIEBER EIN NEUES VOLK. EIN BAYERN OHNE UNS QUERULANTEN, DIE VON PARTEI ZU PARTEI ZIEHEN WIE MATROSEN VON BORDELL ZU…“

Eine Baggerschaufel unterbricht meine kreative Metapher, und schippt uns mitsamt Hausrat in den Container auf dem Auto unseres Vermieters.

Benommen liegen Kurt und ich unter unserem eigenen Konsummüll. Während wir abtransportiert werden, schimpft Kurt: „Ich habe doch gesagt, keine einstürzenden Neubauten vor elf Uhr!“

Es ist allerdings schon fünf vor zwölf“, kläre ich ihn auf.

Oh. Na dann.“

…Im Erdgeschoss:
Befinden sich vier Türen
die führen
direkt ins Freie
oder besser gesagt. in den Grundstein
da kann warten wer will
um zwölf kommt Beton
Grundsteinlegung!
Gedankengänge sind gestrichen
in Kopfhöhe braun
infam oder katholisch violett
zur besseren Orientierung
[…]“

(aus „Haus Der Lüge“ von Einstürzende Neubauten)

Article by Fabian Schütz

Geboren in der Nähe von Augsburg, aufgewachsen ohne Verstand aber mit sehr lieben Eltern, hat traurige Berühmtheit als Klassenclown erlangt. Danach Buchhändler, dann Student des Journalismus und hat die Liebe zur Kunst entdeckt. Die Kunst des Blödsinns. Seitdem hat er beschlossen die Menschen um sich zum Lachen zu bringen. Er mag keinen Rosenkohl, Hitler und Katzen. Er glaubt das sei die Dreifaltigkeit aus der Hölle.