Bernie und Yanis rufen: Haben wir eine neue Internationale? (Der Rote Faden)

Bernie Press Photo

Bernie Sanders und Yanis Varoufakis haben, nach Karl Marx Vorbild, eine neue Internationale gegründet. Doch was verspricht sie? Steht die Revolution kurz bevor, oder scheitert die Bewegung, wie jede andere zuvor?

“Völker hört die Signale! Auf zum letzten Gefecht! Die Internationale erkämpft das Menschenrecht!” Das alte Arbeiterkampflied ging wohl durch die Köpfe einiger Nostalgiker und Träumer, als Yanis Varoufakis vergangenen Freitag die “Progressive International” auf Facebook vorstellte. Der ehemalige griechische Finanzminister hat sich mit dem US-amerikanischen Sozialisten Bernie Sanders zusammengetan, um eine neue linke Plattform zu gründen. Wer fühlt sich bei dem Namen nicht gleich an Karl Marx Erste Internationale erinnert?

Doch was ist die “Progressive International”?

Ein Zusammenschluss aus Linken weltweit, der platt gesagt, Kapitalismus und Faschismus bekämpfen will. 250 Menschen haben sich dafür im US-Bundesstaat Vermont versammelt, für den Sanders im Senat sitzt.

Der Zusammenschluss ist das, was sich Linke seit Jahrzehnten nicht mehr getraut haben, obwohl sie es nötiger denn je haben. Während sich Linke in Grabenkämpfen verlieren und sich selbst zerlegen, zieht der Faschismus seinen Siegeszug fort – getragen durch den Kapitalismus. Die Ausbeutung von Mensch und Natur schafft täglich neue Probleme und die Faschisten profitieren.

Von der Waffenlobby gestützte Unternehmen exportieren Kriege und importieren Geflüchtete. Sie beuten ehemalige Kolonien aus und importieren ebenfalls Geflüchtete. Stärker als seit dem Beginn der Industrialisierung, beuten sie auch ihre eigenen Bürger aus und das zunehmend. Weltweit spüren die Menschen eine kollektive Unzufriedenheit. Sowohl in Nordafrika, als auch in Mittelamerika oder mitten in Europa. Ausgerechnet die Rechten profitieren davon, denn die Linke ist mit sich selbst beschäftigt.

In Deutschland gehört die rechtsextreme AfD zu den beliebtesten Parteien, in den USA regiert ein rassistischer Kapitalist und Brasilien hat vor kurzem einen Faschisten zum Präsidenten gewählt, der wiederholt mit Liebeserklärungen an die vergangene Militärdiktatur aufgefallen ist.

Nationalisten agieren international, Linke sind mit Grabenkämpfen beschäftigt

Paradoxerweise treffen sich Rechtsextreme schon seit Jahren zum Austausch, vor allem in Europa. Ausgerechnet sie schaffen es, sich seit Jahren international zu organisieren und verzweifelte, finanziell schwache Menschen an sich zu binden. Die Linke wiederum, schlägt sich auf nationaler Ebene die Köpfe darüber ein, ob sie Fleisch essen komplett verbieten will und arrangiert sich in Teilen sogar mit dem liberalen Status Quo. So, als wäre die Welt gerettet, wenn wir Essen konsumieren, für das garantiert nur Menschen ausgebeutet werden und wir der Marktwirtschaft einen vermeintlich sozialen Anstrich verpassen.

Varoufakis und Sanders wollen das nicht mehr zulassen. Mit ihrer Bewegung wollen sie eine Renaissance der alten Verhältnisse: Solange kein Krieg ist, bleiben Nazis unter sich und Linke kämpfen Seite an Seite für die weltweite, friedvolle und gerechte Utopie.

Ein Gespenst geht um in Europa…

Es gab weltweit verschiedene, linke Internationalen mit verschiedenen Ausrichtungen. Davon gab oder gibt es fünf Große. Jede einzelne hat sich schlussendlich selbst den Todesstoß verpasst, oder sich selbst überlebt. In der Zwischenzeit haben sich auch immer wieder kleine Zusammenschlüsse gegründet, die sind jedoch bedeutungslos.


  • Die Erste Internationale um Karl Marx, von 1864 bis 1876.
  • Die Zweite (Sozialistische) Internationale, von 1889 bis 1914.
  • Die Dritte (Kommunistische) Internationale, um Wladimir Lenin, von 1919 bis 1957.
  • Die Vierte Internationale, um Leo Trotzki, seit 1938.
  • Die Fünfte Internationale, seit 1951.

Ihr erklärtes Ziel war aber schon immer, der Kampf gegen Faschismus und Kapitalismus.

Könnte es der “Progressive International” ähnlich ergehen?

Durchaus.

Unter den prominenten Teilnehmern, wie Varoufakis, Sanders oder der isländischen Premierministerin Katrín Jakobsdóttir waren auch kritische Personen, wie der brasilianische Fernando Haddad anwesend. Der Sozialist hatte die Stichwahl gegen den faschistischen Präsidentschaftskandidaten Jair Bolsonaro verloren. Haddad trat als Ersatz für Lula da Silva an, der wegen Korruption im Gefängnis sitzt. Die ganze Partei soll in Fälle von Korruption verwickelt sein.

Problematisch ist auch, dass bisher vor allem Männer eine zentrale Rolle spielen und Vertreter aus Afrika fehlten. Zudem fehlen bisher vor allem junge Menschen. So würden doch Persönlichkeiten, wie der neue Shootingstar der US-amerikanischen Linken, Kongressabgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez, die Bewegung deutlich auffrischen. Trotzdem hat die Bewegung immerhin von Linken geliebte und von rechten gehasste, prominente Gesichter.

Es fehlen noch konkrete Handlungspunkte, weswegen der Start etwas unüberlegt, fast schon wie ein Versehen wirkt. Allerdings hat sich Varoufakis linke Sammlungsbewegung “DiEM25” ähnlich gegründet. Die kandidiert immerhin in fast jedem europäischen Land zur Europawahl, hat gute Chancen Sitze zu gewinnen und ist demokratischer und transparenter, als die meisten anderen Sammlungsbewegungen oder Parteien. Dadurch, dass sich Einzelpersonen und Organisationen der “Progressive International” anschließen können, werden vermutlich ziemlich bald auf ähnlichem Weg konkrete Programmpunkte verabschiedet werden.

Die Gründung hat sicher noch einen Hintergedanken. Bernie Sanders hat angekündigt, dass er sich eine weitere Präsidentschaftskandidatur zumindest vorstellen kann. Im Wahlkampf gegen Hillary Clinton haben ihn seine Kritiker aus dem liberal-konservativen Lager der Demokraten dafür kritisiert, nicht genügend Netzwerke auf internationaler Ebene zu haben. Mit einer neuen Progressiven Internationalen wäre das Thema wenigstens etwas entschärft. Schließlich zeigt sich Haddad zuversichtlich über Sanders kommenden Sieg. Auch Varoufakis sagte, dass der US-Senator zur Kandidatur verpflichtet sei. (taz.de)

Nur eine Mogelpackung?

Am Ende liegt der Erfolg der Bewegung ganz bei den Akteuren. Sie könnte mit den richtigen Menschen und konkreten Aktionen zur Sechsten Internationalen werden. Gerade auf diese Zeiten der politischen Unsicherheit könnten Zeiten des politischen Umbruchs folgen. Vereinzelt findet das in Ländern wie Griechenland bereits statt, wo die sozialistische SYRIZA seit 2015 regiert. Doch “Progressive International” muss aus den Fehlern der alten Internationalen lernen und darf sich nicht in Kleinkriegen mit den eigenen Leuten verlieren.

Sonst bleiben Arbeiterkampflieder, wie die “Internationale”, weiterhin nostalgische Träumereien.

Article by Baha Kirlidokme

Studiert Politik- und Wirtschaftsjournalismus an der Hochschule Ansbach. Freier Mitarbeiter bei der Main-Post und dem Schweinfurter Tagblatt. Sitzt aktuell in der bento-Redaktion von Spiegel Online. Autor beim Radiosender ANgedacht. War Redakteur beim Ansbacher Stadtmagazin Kaspar und Autor für das Musikmagazin Stormbringer.

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