Das Kapital

work harder

Ein Kapitel über Kapital

Ich sitze mit der Existenzangst am Frühstückstisch. Inzwischen ist wieder mehr Platz, da die Gartenzwerge den gesamten Wohnkomplex unsicher machen. Unser Vermieter hat sich schon mehrmals beschwert. Seitdem stehen nicht mehr fünf Zwerge mit erhobenem Mittelfinger vor seiner Tür, sondern der Tod-Zwerg.

Um der Zeitschleife zu entkommen, versuchen wir tägliche Rituale zu verändern. Ich trinke jetzt Tee statt Kaffee und die Existenzangst Irish-Coffee statt Wein.

Wir brauchen Kapital!“, ruft Kurt aus dem Bad.

Steht oben im Regal“, antworte ich, weil ich keine Lust habe über Geld zu diskutieren.

Die Existenzangst ist die einzige, die etwas zur Miete beiträgt, da sie während meiner Vorlesungen Pfandflaschen sammelt.

Sehr lustig“, sagt Kurt. „Wir brauchen wirklich Geld, wenn wir als kinderlose WG zusätzlich Abgaben zahlen müssen.“

Wir haben doch Gartenzwerge“, sage ich und gieße etwas Whiskey in den Tee.

Die sind aber bereits ausgezogen und wollen die weite Welt erobern. Ich fahre nachher noch in die Stadt und verteile ein paar vor dem Rathaus. Der Mistgabel-Mob der kleinen Männer ist auf dem Vormarsch“, tut Kurt seinen Tagesplan kund.

Wen würden die Zwerge wohl wählen?“, fragt die Existenzangst. „Gibt es dazu Umfragen der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten?“

Nein“, sagt Kurt, „niemanden interessiert, was die kleinen Männer wollen.“

Und kleinen Frauen!“, ergänzt meine Freundin.

 

Der alte Mann will nicht mehr

Viel wichtiger ist doch”, empört sich Kurt, “dass die AfD illegale Spenden erhält und die deutsche Nationalmannschaft mal wieder gewonnen hat.“

“Ja, die AfD hat nur von den Besten gelernt. Der CDU!”, wirft unsere weibliche Mitbewohnerin ein.

„Wen hätten denn die Zwerge gerne als neuen Bundestrainer?“, frage ich, um von der Politisierung unseres Frühstücks abzulenken.

Claudia Roth!“, ruft die Existenzangst. „Die kann das Integrationsproblem innerhalb der Mannschaft endlich lösen. Anstatt einer stabilen Abwehrkette eine Willkommenskultur am Strafraum, keinen Schießbefehl für Stoßstürmer, sondern dem Gegner den Ball zuspielen. Deutschland muss auch im Sport beliebter werden. An der Spitze ist es einsam.“

Das kann Claudia Roth gar nicht beurteilen. Die war noch nie spitze“, sage ich.

Ohje, Horst Seehofer geht“, grätscht Kurt mit einem Blick auf sein Smartphone dazwischen.

Warum, ohje?“, frage ich.

Ich hatte eine Wette am Stammtisch laufen, dass er die CSU-Spitze nicht aufgibt ohne Markus Söder mitzunehmen. Oder mit den Füßen voran die Partei verlässt. Jetzt muss ich die ganze Runde zahlen. Ich brauche Kapital!“

Viel lustiger ist, dass Zeit-Online viel wichtiger findet, dass die ARD die Lindenstraße einstellt und das als Eilmeldung deklariert. Vielleicht gibt es doch noch Hoffnung für den kleinen Mann“, freut sich die Existenzangst.

Lasst alle Hoffnung fahren, wenn Jens Spahn die CDU-Spitze übernimmt“, knurrt Kurt.

Ich brauche Kin… äh… Kapital!“, rufe ich.

 

Politik als Vorabend-Entertainment

Eigentlich ist doch Politik schon zu einer Art Vorabend-Serie geworden“, sinniert die Liebe meines Lebens und schenkt sich mehr Irish als Coffee nach. „Die Darsteller wechseln, aber der Plot ist doch der ewig gleiche. Am Ende ist wieder alles so wie am Anfang. Das geht solange gut, solange die Quote stimmt.“

Es klopft. Unser Vermieter steht vor der Tür und verlangt Kurt zu sprechen.

Das mit den Gartenzwergen hier im Haus hört sofort auf, sonst rufe ich die Polizei!“

Kurt drückt unserem Vermieter einen Polizei-Gartenzwerg in die Hand. „Schon da.“

Etwas verdutzt fordert unser Vermieter die ausstehende Miete ein. „Ich fordere außerdem von ihnen die ausstehende Miete ein!“

Sind sie eigentlich kinderlos?“, fragt Kurt mit gespielter Naivität.

Äh. Ja. Leider“, antwortet unser Vermieter.

Wissen sie“, beginnt Kurt, „dass ein neuer Gesetzesentwurf für kinderlose Bürger zusätzliche Abgaben vorsieht…“

Als unser Vermieter wieder geht, hat er uns 350 Euro da gelassen. Die Miete für diesen Monat ist schon fast sicher.

„Die Miete ist sischer!“, äfft Kurt Norbert Blüm nach.

Wir haben Kapital!“, jubiliert die Existenzangst.

Ne, habe es an den Karl-Marx-Gartenzwerg verliehen“, sage ich.

Mist!“, ruft Kurt. „Der ist mit dem Andreas-Baader-Zwerg Richtung Kaufhaus los. – Oh. Oh. Das gibt wohl Ärger.“

Article by Fabian Schütz

Geboren in der Nähe von Augsburg, aufgewachsen ohne Verstand aber mit sehr lieben Eltern, hat traurige Berühmtheit als Klassenclown erlangt. Danach Buchhändler, dann Student des Journalismus und hat die Liebe zur Kunst entdeckt. Die Kunst des Blödsinns. Seitdem hat er beschlossen die Menschen um sich zum Lachen zu bringen. Er mag keinen Rosenkohl, Hitler und Katzen. Er glaubt das sei die Dreifaltigkeit aus der Hölle.

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