Die EU, ihre Demokratie und ich

Tagebuch

24 Stunden vor Öffnung der Wahllokale aus dem Tagebuch des Fabian S.

Samstag, 25.Mai 2019
8 Uhr:

Überlege zum Töten von EU-Spitzenkandidaten aufzufordern.

Hat Ex-TITANIC-Chefredakteur Tim Wolff bereits gemacht. Twitter hat ihn daraufhin gesperrt.

8:15 Uhr:

Duschen. Kann mich nicht zwischen Kokos- und Vanille-Duschbad entscheiden. Wie soll ich da politische Entscheidungen als Wähler mittragen können?

Stelle fest, es ist das Duschgel meiner Freundin. Habe sie schon lange nicht mehr gesehen. Mal wieder anrufen?

8:30 Uhr:

Überlege makabere Splatter-Videos mit dubioser Botschaft zu drehen.

Habe ich bereits seit letzter Woche gemacht. Instagram hat nach drei von vier Teilen nun die Zusammenarbeit mit mir beendet.

9:00 Uhr:

Überlege ein schmieriges, sich billig an die EU heranwanzendes Musikvideo zu drehen.

Hat Jan Böhmermann bereits gemacht. Leider gibt es das noch immer.

10:00 Uhr:

Frühstück. Ein Kaffee aus Südamerika. Eine Zigarette aus den USA. Wozu brauche ich also die EU? Ernste Existenzbedenken bis Mittag, ob wir uns vielleicht zu wichtig nehmen. Dazwischen Freundin angerufen. Sie wohnt seit einer Woche wieder bei ihren Eltern. Das erklärt auch das Geschirr in der Spüle. Bekomme existenzielle Ausfallerscheinungen.

12:00 Uhr:

Überlege wirksam zur Wahl aufzurufen und ansonsten einen Stoff-Eisbär zu bedrohen.

Hat Extra3 bereits gemacht. Ungefähr so scharfzüngig wie Tyrion Lannister.

(Spoiler. Habe „Game of Thrones“ nie gesehen.)

12:30 Uhr:

Plane die CDU mal so richtig zu „zerstören“.

Hat YouTuber Rezo bereits gemacht. Kam gut an. Außer bei der CDU. 70 Youtuber springen sofort auf den Zug auf. Darunter Dagi Bee.

12:35 Uhr:

Überlege zum Töten von Dagi Bee aufzufordern. Habe aber Bedenken. Grundgesetz. Mitleid.

12:45 Uhr:

Mittagessen. Schäuferla mit Sauerkraut und Klos im Restaurant. Essen aus der Heimat. Wozu brauche ich also die EU? Will ich überhaupt Avocado-Creme auf meinem McDonald’s-Burger? Mittagsschlaf wegen Existenzbedenken. Träume von Burgern.

14:45 Uhr:

Gucke mir noch mal die Wahlplakate der Spitzenparteien an. Finde keine Existenzberechtigung für diese eitlen Gockel. Insbesondere macht mich die grüne Kleidung einer FDP-Kandidatin nervös. Für wen kandidiert sie? Will sie arglose Grünen-Wähler in die Falle locken? Mache daher den Wahl-O-Mat. PC hängt sich auf.

15:00 Uhr:

Will meine Freundin anrufen und nach Wahlempfehlung fragen. Vater geht ran und gibt mir die Empfehlung nie wieder anzurufen. Rufe meine Eltern an. Mama empfiehlt, ich solle auf mich aufpassen, Papa erkundigt sich nach meinen “Fortschritten” und empfiehlt mich reinzuhängen.

15:15 Uhr:

Stelle fest, dass die Diäten der EU-Politiker bereits sowas wie ein bedingungsloses Grundeinkommen sind. Checke meinen Kontostand. Ernste Existenzbedenken. Papa hat wohl recht.

15:30 Uhr:

Keine Bundesliga mehr. Bin bis 17:15 Uhr verunsichert. Spiele FIFA und stelle fest, dass die Strukturen von UEFA und EU-Parlament ungefähr die gleichen sind. Nur gibt sich die UEFA nicht den Anschein etwas gegen gesellschaftliche Missstände unternehmen zu wollen. Sie sieht sich als Unternehmen. Kaum zu unterscheiden von parlamentarischer Lobbyarbeit.

17:15 Uhr:

Mache einen Abendspaziergang. Überlege, ob Dagi Bee auch sowas völlig banales macht oder sich den ganzen Tag nur an- und abschminkt und voll fancy oder schwanger ist. Zu welchem Friseur geht Rezo? Und hat ihn der gleiche Geheimbund angeheuert, der hinter dem Strache-Gate steckt?

18:00 Uhr:

Beginne für IrRelevant zu schreiben, dass Nicht-Wählen kein Protest, sondern nur mehr Anerkennen der bescheidenen Lage ist, in der wir uns befinden. Das Leben hat eben keinen Sinn und Politik ist nur ein öffentlicher Karriere-Betrieb ohne Visionen.
Idee passe nicht zu den redaktionellen Richtlinien, heißt es, ich mache es mir zu einfach. Ich solle mich zusammenreißen.

18:30 Uhr:

Döner zum Abendessen. Frage den Dönermann, ob er sich als Europäer sieht. Er habe nur Döner oder Dürüm, keine Europäer, sagt er. Bin überzeugt, er hat mich genau verstanden, will aber diplomatisch bleiben. Überlege, ob wir in der am besten getarnten Diktatur der Geschichte leben.

20:00 Uhr:

Freue mich auf alle Sondersendungen zur EU-Wahl. Werde enttäuscht. Bin von mir und meiner naiven Begeisterungsfähigkeit noch mehr enttäuscht. Schalte zum Pokal-Finale um. Auch enttäuschend.

22:00 Uhr:

Putze mir die Zähne. Überlege AfD-Wählern noch schnell via Twitter eine mitzugeben, zum Beispiel wenn ich sie als “dumm” bezeichne.

Hat Martin Sonneborn bereits getan. Shitstorm inklusive.

22:30 Uhr:

Ich gebe auf. Hat diesmal nicht sollen sein. So viele haben von dieser Wahl profitiert. Ein Aufmerksamkeits-Perpetuum-Mobile. Überlege, ob ich Wahlen mit Sex vergleichen kann. Der ganze Tanz, die Balz, um zum Schuss zu kommen und dann ist in ein paar Minuten alles vorbei. Werde morgen stoppen, ob rein und raus aus dem Wahllokal etwa elf Minuten entsprechen.

ENDE

Article by Fabian Schütz

Geboren in der Nähe von Augsburg, aufgewachsen ohne Verstand aber mit sehr lieben Eltern, hat traurige Berühmtheit als Klassenclown erlangt. Danach Buchhändler, dann Student des Journalismus und hat die Liebe zur Kunst entdeckt. Die Kunst des Blödsinns. Seitdem hat er beschlossen die Menschen um sich zum Lachen zu bringen. Er mag keinen Rosenkohl, Hitler und Katzen. Er glaubt das sei die Dreifaltigkeit aus der Hölle.