Die Realität und die Existenzangst

Die Realität und die Existenzangst_

 

No Reality Anymore (NRA)

 

Keine Realität mehr

Ich gucke der Kaffeemaschine zu, wie sie behäbig, aber stetig, Tropfen um Tropfen die Kanne mit dem braunen Gold füllt. Es hat etwas Meditatives, an diesem grauen Morgen.

Kurt unterbricht die Stille. Nach wie vor ist es mir ein Rätsel, wie man am frühen Morgen schon so viel Energie haben kann.

„Ich habe eine großartige Idee!“, verkündet mein Mitbewohner vor Stolz beinahe platzend.

„Aber nicht schon wieder so ein Unfug wie mit der Ironie-Dating-App?“, frage ich skeptisch.

„Viel besser“, entgegnet Kurt euphorisch. „Wir gründen einen eigenen Lobbyverband. Die NRA!“

„Klasse, aber Waffen kommen mir keine ins Haus!“, antworte ich geistesabwesend. Die Kaffeekanne ist schon halbvoll, stelle ich in Gedanken optimistisch fest.

„Nein. Natürlich nicht. NRA steht für No Reality Anymore“, erklärt Kurt und grinst. „Das ist die Antwort auf alles. Der Gegenentwurf zur Realpolitik, die absolute Abgrenzung von der Wirklichkeit als Identitätsbewegung des Unwirklichen“, führt er seine Idee weiter aus.

„Hört sich nach dem totalen Schwachsinn an“, sage ich und gieße uns Kaffee ein.

„Im Gegenteil, noch nie in meinem Leben habe ich so klar gesehen!“

Bei mir schrillen alle Alarmglocken. Solche Sätze hört man in der Regel nur von Leuten, die kurz vor der Einweisung stehen.

 

Das verhängnisvolle Klingeln

„In den USA gibt es einen Anschlag auf eine Synagoge“, beginnt Kurt seinen Monolog, „und der Präsident behauptet, dass es glimpflicher ausgegangen wäre, wenn innen bewaffnetes Personal gewesen wäre. Merkel gibt ihren Parteivorsitz auf und schon taucht aus den Untiefen des Polit-Sumpfes Friedrich Merz auf. Ein Finanz-Lobbyist vor dem Herrn, ein Befürworter der Kernkraft und der Gentechnik. Im Diesel-Skandal werden die Steuerzahler zur Kasse gebeten und im TV gibt es mit Ninja-Warriors die Light-Version vergangener Gladiatorenkämpfe. Der Erfolg von Instagram zeigt, dass die Nutzer nur noch Bilder statt Texte möchten und lieber Höhlenmalerei als intellektuellen Input wünschen…“

Das Klingeln an der Haustür unterbricht Kurt. Ich öffne und vor mir steht die Existenzangst. Sie trägt Lumpen und hat eine Supermarkttüte voller Pfandflaschen dabei. „Hallo, ich bin die Existenzangst“, sagt die Existenzangst. „Habt ihr ein paar Pfandflaschen übrig?“ – „Einen Kaffee vielleicht?“, frage ich etwas verwirrt.

„Wunderbar“, sagt die Existenzangst, überreicht mir einen meiner Kontoauszüge und drängt sich an mir vorbei in die Küche.

„Die No Reality Anymore“, beginnt Kurt unbeirrt sofort wieder, als wir zu Dritt am Küchentisch sitzen, „kurz, NRA, ist vor allem daran interessiert, dieser Gesellschaft ihre eigene Lächerlichkeit vor Augen zu halten…“

„…indem sie selbst noch lächerlicher ist“, ergänze ich etwas blass mit Blick auf den Kontoauszug.

„Nein!“, ruft da die Existenzangst dazwischen, „Die rigorose Ignoranz der Realität ist nur die konsequente Weiterführung der Wirklichkeit mit der wir uns konfrontiert sehen und die letzte Bastion als Zuflucht, um nicht völlig verrückt zu werden!“

Mit Blick auf die Existenzangst neben mir beschleicht mich das Gefühl, es könne dafür schon zu spät sein.

„Genau!“, ruft Kurt und verschüttet den halben Kaffee, weil er den Becher in alter Wirtshausmanier schwenkt. „Erst wenn alle Posten von Korrupten, Irren und Egomanen besetzt sind, erst wenn alles Geld aufgebraucht in den Luxusvillen dieser Welt lagert, wenn jeder Ex-Häftling Vorstand geworden ist, dann bezahlen wir die Schulden der Anderen mit dem Gold am Ende des Regenbogens, und basteln uns aus unseren Kontoauszügen Decken gegen die soziale Kälte!“

 

Alarmglocken und Aluhut

Die Existenzangst fischt einen Aluhut aus ihrer Tüte und ruft irre kichernd: „Wenn man den Krieg gegen die Echsen-Menschen nicht gewinnen kann, dann muss man zumindest lernen die Niederlage zu genießen, denn es wird unsere letzte sein!“

„Ah“, höre ich mich sagen und sehe plötzlich so klar wie nie zuvor in meinem Leben: „Der Cum-Ex-Skandal ist nur eine Verschleierung, eine Assonanz zu „Come-Echs‘!“, ein Aufruf, der Startschuss zur endgültigen Eroberung unseres Planeten.“

„Genau“, sagt Kurt, „jetzt verstehst Du es.“

Die Existenzangst hat inzwischen unseren Weinvorrat gefunden und macht sich darüber her.

„Irgendwie war mir die Ironie-Dating-App lieber“, stelle ich fest. „Da klang alles nicht so ernst.“

Wie aufs Stichwort vibriert mein Smartphone. „Hi Süßer, Lust auf eine verantwortungsvolle Beziehung? – Ich bin eine junge, sehr vermögende Frau und liebe es für dich zu kochen, den Haushalt zu schmeißen und dich ansonsten rund um die Uhr zu verwöhnen. Küsschen, deine vollbusige Miranda :*“

„Wer ist Miranda?“, frage ich Kurt.

Kurt deutet auf die bereits angetrunkene Existenzangst und sagt: „Die größte Flause, die man uns in den Kopf gesetzt hat, war die, wir hätten einen freien Willen und tatsächlich eine Wahl. Dabei müssen wir nehmen, was gerade kommt.“

Die Existenzangst wirft mir einen anzüglichen Blick zu.

„Ja”, sage ich, “mir scheint heute auch der richtige Tag, um endlich aufzugeben und der Realität den Rücken zu kehren.“

„Du musst mir Deinen NRA-Mitgliedsbeitrag übrigens noch überweisen. Keine Pfandflaschen!“, ruft mir Kurt mit Blick auf den Kontoauszug nach, während ich Richtung Bett tapse. Die Existenzangst folgt mir. “Auch schon egal”, denke ich. Die Kaffeekanne ist schließlich bereits halbleer.

Article by Fabian Schütz

Geboren in der Nähe von Augsburg, aufgewachsen ohne Verstand aber mit sehr lieben Eltern, hat traurige Berühmtheit als Klassenclown erlangt. Danach Buchhändler, dann Student des Journalismus und hat die Liebe zur Kunst entdeckt. Die Kunst des Blödsinns. Seitdem hat er beschlossen die Menschen um sich zum Lachen zu bringen. Er mag keinen Rosenkohl, Hitler und Katzen. Er glaubt das sei die Dreifaltigkeit aus der Hölle.

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