Es ist dämlich, dass Sawsan Chebli eine Rolex trägt – Die Diskussion darüber aber auch (Der Rote Faden)

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Sawsan Chebli steht die letzten Tage unter heftiger Kritik, die sie sogar von Facebook verjagt hat. Die Berliner Staatssekretärin posiert auf einem Foto von 2014 mit einer 7.300 Euro Rolex. Ausgerechnet als Politikerin der SPD, der Partei, die sich doch angeblich um die kleinen Leute kümmert. Ich habe dazu in den letzten Tagen verschiedene Diskussionen unter Kollegen, Freunden und auch in den Medien verfolgt. Die einen sind empört und finden, eine Sozialdemokratin solle nicht so offensichtlich mit Statussymbolen prahlen, wie es ein Christian Lindner tun würde. Die anderen sagen, dass es sich nur um eine Hexenjagd gegen eine muslimische Frau handle, die am Ende mit ihrem Geld machen dürfe, was sie will.

Ich glaube, es ist sogar einfacher. Kurzum: Die Rolex ist dämlich, eine zu tragen ist dämlich und die Diskussion darum ist auch dämlich. Natürlich kommt viel Kritik von rechts, weil sie nun einmal eine muslimische Frau ist. Die meisten dieser Leute hätte die Rolex nicht gestört, wäre sie ein weißer Mann. Das ist scheiße. Doch es gibt auch legitime Kritik.

Als SPD-Politikerin eine fette Rolex zu tragen, sollte seit Ex-Kanzler Schröder kein Problem mehr sein. Zumindest, wenn die SPD ehrlich wäre. Würde sie sich eingestehen, keine linke Partei mehr für den kleinen Mann, sondern eine wirtschaftsliberale Partei für das große Unternehmen zu sein, wäre es niemals zu diesem Eklat gekommen. Solange die SPD aber noch so tut, als wäre sie die Partei des einfachen Bürgers, sollte sie sich auch so benehmen. Eine Rolex zu tragen, während die Schere zwischen arm und reich stetig wächst und immer mehr Menschen auf der Straße oder in prekären Jobs leben, ist mindestens zynisch. (Spiegel Online)

Chebli hat sich indes auf Twitter verteidigt:

Klar ist es toll, wenn jemand aus armen Verhältnissen kommt und den Aufstieg schafft. Doch rechtfertigt das, sich auch wie Aufstieg zu benehmen? Meine eigene Familiengeschichte ist kein bisschen mit der von Chebli vergleichbar. Ich habe mit nur einem Bruder in einem Zimmer gewohnt, hatte immer ein warmes Bett und Essen. Trotzdem hatten wir es nicht immer leicht. Ich habe auch schon einige Jobs hinter mir, bei denen ich auch Samstagnachts körperliche Arbeit verrichten musste, während Klassenkameraden das Geld ihrer Eltern im Club versoffen haben. Aber wen interessierts? Mal arm gewesen zu sein ist kein Freifahrtschein, sich wie diese Rich Kids zu benehmen, sobald man Geld hat.

Das Wichtigste ist aber: Jeder hat das recht, sich scheiße zu benehmen, solange er niemandem schadet. Chebli ist niemandem Rechenschaft schuldig, außer vielleicht den Minenarbeitern, die die Rohstoffe ihrer Uhr beschafft haben. Es sind ihre 7.300 Euro. Die darf sie anlegen, wie sie will. Ich kaufe mir von meinem Geld heute auch Dinge, die ich früher niemals gekauft hätte. Sie darf sich aber nicht wundern, wenn Menschen das scheiße finden.

Deswegen ist das Ausmaß der Diskussion am Ende des Tages nicht gerechtfertigt. Die Diskussion ist sogar dämlich, wenn gleichzeitig 19 europäische Redaktionen aufdecken, dass Banken uns jahrelang beklaut haben (surprise). Dass den Staatshaushalten mindestens 55 Milliarden Euro an Steuergeldern fehlen. Das sind 700 Euro, die auch jedem Bürger fehlen. Oder 7,5 Millionen Rolexuhren. Das interessiert mein Umfeld jedoch kaum bis gar nicht. Genauso wenig die meisten Bürger. Vielleicht wäre das anders, wenn die Banken von muslimischen Frauen geführt würden…

Hier geht es zum größten Steuerraub der europäischen Geschichte.

Article by Baha Kirlidokme

Studiert Politik- und Wirtschaftsjournalismus an der Hochschule Ansbach. Sitzt aktuell in der taz.de-Redaktion. Schreibt für bento von Spiegel Online. Freier Mitarbeiter bei der Main-Post und dem Schweinfurter Tagblatt. Autor beim Radiosender ANgedacht. War Redakteur beim Ansbacher Stadtmagazin Kaspar und Autor für das Musikmagazin Stormbringer.