Fleischhauer raus

Fleischi raus

Jan Fleischhauer findet in seiner Kolumne, dass wir mit Rechten reden und sie integrieren müssen. Schlimm genug, dass der Spiegel den Artikel unter dem Titel „Nazis rein“ abdruckt. Schlimmer ist, dass der Text an Revisionismus grenzt. Als würde das nicht reichen, werden auf Twitter vereinzelt Stimmen laut, die Margarete Stokowski und Sibylle Berg auffordern, nicht mehr für den Spiegel zu schreiben.

Zu Beginn sei ganz klar gesagt: Hinter Fleischhauers Texten steckt natürlich Kalkül. Der Spiegel hat ihn offensichtlich eingekauft, um einen Gegenpol zu linken Autoren wie Stokowski, Augstein und Co. zu präsentieren. Um vielfältiger in der Meinung zu wirken. Um letztendlich zu provozieren. Das gelingt Fleischhauer auch mit jedem Text und jedes Mal falle ich darauf herein und lasse mich provozieren, obwohl ich es eigentlich besser weiß.

Ich habe mit mir gerungen, ob ich ihm noch mehr Aufmerksamkeit geben soll, indem ich über seine letzte Entgleisung schreibe. Ich habe mich dafür entschieden, denn sein letzter Text „Nazis rein“ hätte niemals im Spiegel erscheinen dürfen. Der Verlag hat die Verantwortung, rechtsradikales Gedankengut nicht zu normalisieren. Doch genau das tut er mit der Entscheidung, den Titel abzudrucken. Und nein, Fleischhauer ist nicht rechtsradikal, in seinem Artikel spielt er aber mit rechtsradikalen Alltagstheorien.

Erst einmal wirft Fleischhauer der politischen Linken vor, beim Begriff Nazis nicht zu differenzieren. Damit hat er auch recht. Nicht jeder AfD-Wähler ist gleich ein Neonazi, auch wenn die Partei durchaus Neonazis in ihren Reihen hat. Das treibt frustrierte Konservative und sogar enttäuschte Linke nur noch fahrlässiger in die Hände von Rechtspopulisten und verharmlost Neonazis.

Allerdings begeht Fleischhauer den selben Fehler und spricht von „echten Nazis“, wenn er von ehemaligen Akteuren des Dritten Reichs spricht. Sind Neonazis also keine echten Nazis, sondern nur billige Imitate, von denen keine Gefahr ausgeht? Außerdem erklärt er nicht, ob für ihn jedes NSDAP-Mitglied ein “echter Nazi” war, oder nur jeder bei der Waffen-SS. Vielleicht war die Verharmlosung von ihm nicht beabsichtigt, vielleicht wollte er wirklich nur edgy sein, nach dem Motto: „Hauptsache ich kann diese nervigen Linken nerven.“ Anti-Alles aus Prinzip. Doch egal aus welchem Grund er sich dafür entschieden hat, die Wortwahl ist mindestens unverantwortlich.

Bund weißer alter Männer

Vereinzelt werden die Spiegel-Kolumnistinnen Sibylle Berg und Margarete Stokowski auf Twitter aufgefordert, nicht mehr für den Spiegel zu schreiben. Im Prinzip sollen sie für den Fehler von Fleischhauer und der Geschäftsführung Verantwortung übernehmen. Eine Forderung, die man in linken Kreisen dauerhaft hört und herunter gebrochen heißt: „Wer wirklich links oder feministisch ist, darf nicht für liberale Blätter schreiben.“ Eine schwachsinnige Haltung.

Das Resultat wäre wahrscheinlich weniger ein finanzieller Schlag gegen ein Medium, das trotz der letzten Probleme immer noch guten Journalismus betreibt, sondern ein finanzieller Schlag gegen gute Kolumnistinnen. Zusätzlich würden Frauen ein wichtiges Sprachrohr verlieren und der Spiegel wieder zu einem Bund weißer alter Männer werden.

Im Endeffekt sollte sich der Spiegel seiner gesellschaftlichen Wirkung und Verantwortung bewusst sein und rechten Provokationen keine Bühne bieten, nur weil das vielleicht mehr Klicks bringt. Denn ob das die Auflage steigert, ist zweifelhaft.

 

Article by Baha Kirlidokme

Studiert Politik- und Wirtschaftsjournalismus an der Hochschule Ansbach. Sitzt aktuell in der taz.de-Redaktion. Schreibt für bento von Spiegel Online. Freier Mitarbeiter bei der Main-Post und dem Schweinfurter Tagblatt. Autor beim Radiosender ANgedacht. War Redakteur beim Ansbacher Stadtmagazin Kaspar und Autor für das Musikmagazin Stormbringer.