Franziska Becker v Sibel Schick: Religionskritik oder Rassismus?

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Der Journalistinnenbund ehrt die EMMA-Karikaturistin Franziska Becker mit der Hedwig-Dohm-Urkunde. Nun ist eine Diskussion über ihre Karikaturen entbrannt. Der Vorwurf: Rassismus. Als Ex-Muslim sehe ich Religion durchaus kritisch. Kritischer sehe ich allerdings Beckers Karikaturen.

Die Journalistin Sibel Schick hat die Diskussion auf Twitter angestoßen. Unter ihrem Tweet haben sich schnell viele Kommentatoren gesammelt. Unter anderem namhafte Journalistinnen und Feministinnen, die ihrem Rassismusvorwurf tendenziell zustimmen. Und Jakob Augstein. Auch der Verleger und SPIEGEL-Kolumnist hat sich zu Wort gemeldet: “Für mich sieht das so aus, als könne es auch in der Jungen Freiheit stehen…”

Ich war mir zunächst nicht sicher, was ich von den Karikaturen halten soll, das muss ich an der Stelle leider ehrlich zugeben. Schließlich sehe ich die Problematik der Verschleierung. Generell von Religion. Nachdem ich mir die Debatte angesehen habe, habe ich aber verstanden, dass die kritisierten Karikaturen einfach rassistisch sind. An der Stelle Danke an Sibel Schick. Diplomatisch gesagt, teile ich zwar nicht immer ihre Meinung, doch ihre Erklärung auf Twitter hat mir geholfen, den Rassismus der Zeichnungen zu verstehen.

Der Journalistinnenbund zeigt sich überrascht: „Franziska Becker engagiert sich seit den 1970er Jahren für Frauenrechte. Mit ihrem umfassenden Lebenswerk ist sie ein wesentlicher Bestandteil der feministischen Bewegung. Wir als Journalistinnenbund sehen es als unsere Aufgabe, die ganze Breite dieser Bewegung abzubilden“, sagt Rebecca Beerheide, Vorsitzende des Journalistinnenbundes. Das ist im Grunde richtig, relativiert aber die Problematik der kritisierten Karikaturen.

Auch Becker selbst scheint überrascht über die Kritik und erklärt, dass ihre Zeichnungen fragen würden, wie es wäre, wenn in Deutschland tatsächlich die Scharia bestünde. “Es geht mir nicht um das Kopftuch selbst, sondern um das Kopftuch als Symbol der Unterdrückung, das Islamistinnen und Konvertitinnen tragen”.

Mit dem letzten Teil hat sie nicht ganz unrecht, zumindest ein bisschen. Es gibt viele Frauen, die sich freiwillig verschleiern und das sollte man kritisch sehen, aber solange das auf freiwilliger Basis passiert, muss man das akzeptieren. Das beachtet Becker nicht. Doch sie hat recht damit, dass die Verschleierung im Prinzip ein Symbol der Unterdrückung ist. Mit religiöser, politischer und gesellschaftlicher Dimension. Viele Frauen werden zur Verschleierung gezwungen. Während Frauen im Nahen Osten gegen Kopftuch und Co. demonstrieren, werden vor allem in der türkischen Community in Deutschland immer mehr Frauen zum Kopftuch gezwungen. Während vor gut zwölf Jahren nur eine oder zwei Freundinnen meiner Mutter verschleiert waren, hat sich im Laufe der Zeit eine nach der anderen verschleiert, oder verschleiern lassen.

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Das größte Problem ist aber, dass Becker ihre eigenen Zeichnungen nicht zu verstehen scheint. Sie sagt zwar, dass sie nur ein Szenario aufzeige, in dem Deutschland ein Scharia-Land ist. Doch genau diese Absicht ist der Fehler. Sie nimmt die Propaganda von Rechten auf, die ihren Wählern Angst vor einer vermeintlichen Islamisierung machen. Einem Schreckgespenst. Damit legitimiert sie die Angstmache vor einer Islamisierung des Abendlandes, während sie es nicht schafft, zwischen Islamismus und konservativem Islam zu unterscheiden. Und ja, auch wenn man beides nicht gut finden sollte, ist beides nicht das Gleiche.

Wer sich immer noch unsicher ist, kann sich ansehen woher Becker Rückendeckung bekommt: Von einer der antifeministischsten Feministinnen der Geschichte, EMMA-Chefin Alice Schwarzer. Zwar verständlich, dass sie ihre Mitarbeiterin verteidigt, allerdings liest sich ihr Gegenschlag wie eine komplette Faktenverdrehung, die verzweifelt versucht, die Rassismusvorwürfe umzukehren.

Nicht irrelevant ist in dem Kontext auch, dass die EMMA deutlich mehr Leserinnen und Leser aus dem politisch rechten Lager anzieht, als andere feministische Medien ähnlicher Größenordnung.

Es ist wichtig zu betonen, dass Franziska Becker wahrscheinlich keine Rassistin und Religionskritik wichtig ist. Nur ist ihr hier schlicht und einfach die Differenzierung nicht gelungen und mit ihren 42 Jahren Erfahrung muss sie es besser wissen. Denn es ist wichtig, den Islam, so wie jede andere Religion auch, zu kritisieren, dabei aber nicht nach unten zu treten.

Article by Baha Kirlidokme

Studiert Politik- und Wirtschaftsjournalismus an der Hochschule Ansbach. Sitzt aktuell in der taz.de-Redaktion. Schreibt für bento von Spiegel Online. Freier Mitarbeiter bei der Main-Post und dem Schweinfurter Tagblatt. Autor beim Radiosender ANgedacht. War Redakteur beim Ansbacher Stadtmagazin Kaspar und Autor für das Musikmagazin Stormbringer.