Gaming, YouTube und Rechtsextremismus – was ist der gemeinsame Nenner?

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Die Gaming-Szene hat ein Problem. Ein Problem mit Rassismus, ein Problem mit Sexismus, ein Problem mit LGBTQ+ Menschen, ein Problem mit allen, die sich gegen Diskriminierung stellen.
Doch wie nahmen diese Probleme in den letzten Jahren zu? Und wieso hat einer der Christchurch-Attentäter namentlich einen durch Gaming großgewordenen YouTuber erwähnt?

August 2014. Zu diesem Zeitpunkt beginnt die heute berühmt-berüchtigte Gamergate-Kontroverse, in deren Zentrum die Videospielentwicklerinnen Zoë Quinn und Brianna Wu, sowie die Feministin und Medienkritikerin Anita Sarkeesian stehen.

Nach einem abwertenden Artikel über Zoë Quinn durch einen Exfreund auf dessen Blog startet eine Twitterkampagne unter dem Hashtag „gamergate“, in Folge derer Quinn fälschlicherweise einer unethischen Beziehung mit Videospieljournalist Nathan Grayson beschuldigt wird. Im Laufe der Kampagne kommt es zu Doxxing (dem Bekanntmachen privater Informationen, wie dem Wohnort, Arbeitgeber oder sonstige identifizierende Details), Vergewaltigungs- und Morddrohungen.

Anhänger der Gamergate-Bewegung behaupten seit jeher, es gehe lediglich um Ethik im Videospieljournalismus; bei genauerem Blick auf die Vergangenheit der Aktion sowie auf Subreddits (Unterkategorien auf dem populären Link-Aggregator reddit.com) wie /r/KotakuInAction[1] (Dreh- und Angelpunkt der Bewegung auf reddit) wird jedoch schnell klar, dass die Bewegung im Kern zutiefst misogyn, rassistisch, homophob und transfeindlich ist.

Die Gaming-Szene war schon immer großteils männlich, weiß, cis und heterosexuell. Durch das Aufkommen von immer mehr Indie-Entwicklern, casual und mobile games und das Einsteigen von Frauen, Poc und queeren Personen in die Szene sowie der besseren Repräsentation eben solcher fühlten sich diese immer mehr bedroht; nannten diese Bemühungen Tokenism[2] (teilweise berechtigt, jedoch aus den falschen Gründen).

Viele rechte (Online-)Persönlichkeiten, darunter ein nicht wenig bekannter Steven Bannon, sehen in den frustrierten, jungen Männern das Potential, diese durch dog-whistling[3] und reaktionäre Propaganda für rechtes Gedankengut zu begeistern. Aus Morddrohungen an Journalisten wird „Kritik an Ethik im Gaming-Journalismus“, Slurs[4] werden aufs ärgste mit einem Meinungsfreiheit-Argument verteidigt, die bessere Repräsentation von nicht-weißen Männern in Spielen wird als erzwungene Diversität verkauft. Alles klassische rechte Argumentationspunkte.

Seit einer Weile fällt Derartiges auch in der deutschsprachigen Online-Community vermehrt auf. Kürzlich gab es einen Shitstorm wegen geschmackloser Witze, fehlender Selbstreflexion und uninformierten Aussagen von Gronkh (größter deutscher Gaming-YouTuber) und Etienne Gardé (Mitbegründer und Moderator bei Rocket Beans, den meisten wohl bekannt aus Game One-Zeiten). Werden diese dann zurecht auf ihre problematischen Aussagen angesprochen, gerade von Frauen, so findet man in den Antwort-Threads genau den Antifeminismus, genau den Sexismus, der thematisiert wird.

Dass Persönlichkeiten der Öffentlichkeit sehen, was für ein Umgangston in ihren Communities herrscht und dazu schweigen oder nicht genug handeln (ich maße mir hier nicht an, die optimale Lösung zu haben – aber es ist offensichtlich, dass dieses Verhalten angesprochen werden muss), spricht leider Bände über den aktuellen Zustand der Szene.

Populäre YouTuber, die ihre Zuschauer durch Schockhumor begeistern, wenden sich nach berechtigter Kritik an Rechte, die sich als Verteidiger ihrer Meinungsfreiheit verkaufen. So lässt sich am Beispiel Felix Kjellberg, den Meisten besser bekannt unter dem Namen PewDiePie, beobachten, wie eine Art Pipeline von Gaming-Culture und offensivem Humor zur rechten Szene existiert. In den letzten Monaten fiel dieser vermehrt negativ dadurch auf, in Streams Slurs zu verwenden, rechte Online-Persönlichkeiten wie Ben Shapiro in seinen Videos zu featuren, positiv über Quacksalber wie Jordan B. Peterson zu berichten und dadurch, auf Twitter rechten und rechtsextremen Accounts (u.A. Stefan Molyneux, Ian Miles Cheong, Lauren Southern, etc.) zu folgen. (Anm.: mittlerweile ist Kjellberg allen Profilen bis auf das der K-Pop-Band „BTS“ entfolgt)

Diese Persönlichkeiten übernehmen dann neben dem Vermeintlichen Einsatz für Meinungsfreiheit auch anderes Gedankengut der Rechten und verbreiten dieses vor ihrem Millionenpublikum. Nicht selten liest man deshalb auf imageboards wie 4chan, die für ihre rechtsextremen Nutzer bekannt sind, von YouTubern wie PewDiePie als „/our guy/“ – eine Bezeichnung für Leute, welche die Grundgedanken einer Community transportieren oder repräsentieren.

Damit wären wir auch bei der Verbindung zwischen dem Neuseeland-Attentat und einer nach außen harmlosen Online-Persönlichkeit wie PewDiePie. Aus dem Manifest des Täters lässt sich entnehmen, dass dieser viel Zeit online verbracht haben dürfte – es besteht zu großen Teilen aus Memes, Sarkasmus und Trolling. Es ist nicht abwegig, dass er auf Plattformen wie 4chan oder 8chan unterwegs war und er dort große Teile dieses Gedankenguts aufgeschnappt hat.

Dass das PewDiePie nicht direkt verantwortlich macht, sollte klar sein. Dass er aber darüber reflektieren sollte, wieso gerade er erwähnt wurde, ist gegeben. Man ist nicht zwingend verantwortlich dafür, was vermeintliche Fans tun. Man ist allerdings dafür verantwortlich, wie man sich präsentiert und welches Klima man innerhalb seiner Community pflegen möchte.


[1] Kotaku ist eine populäre Nachrichtenseite zu Videospielen, KotakuInAction ist eine Community rund um reaktionäre Gamer.

[2] Bewusste oder unbewusste Praxis im Umgang mit Minderheiten, meist das symbolische Einstellen oder Aufnehmen einer solchen Person.

[3] Bewusste Euphemismen und bestimmte Rede- und Wortmuster, die harmlos wirken, aber von Kennern des Codes auf seinen eigentlichen Inhalt entziffert werden können.

[4] Abfällige Bezeichnungen gegen Minderheiten




Florian Frenkenberger ist Theater-, Film- und Medienstudent. Mehr Tattoos als sichere Berufsaussichten. Nutzt immer noch Tumblr. Ist zu viel online, wurde dennoch nicht rechtsextrem. Interesse an allem rund um Kultur und Politik.

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