§1 Grundgesetz: Die Würde des Fußballers ist unantastbar

Die Würde des Fußballers ist unantastbar (§1 GG)

 

Der Spruch des Jahres

 

Kurt und ich haben inzwischen eine neue Wohnung bezogen. Inmitten von Umzugskartons sitze ich am Frühstückstisch, lese Zeitung und trinke Kaffee. Die Wohnung ist kahl, von der Decke baumeln noch lose die Kabel für die Fassungen der Glühbirnen und Lampen.

Kurt kommt hereingepoltert und poltert ebenso direkt los: „Wie viele Experten braucht man für die Wahl zum Fußballspruch des Jahres?“

Ich antworte: „Wie viele Palästinenser braucht man, um eine Glühbirne zu wechseln?” Meine Mundwinkel umgibt ein leichtes Zucken der Vorfreude auf die Pointe. – “Gar keinen. Die sitzen im Dunkeln und geben den Juden…“

„Jaja“, unterbricht mich Kurt in der Pointe, „den hat Frank Schätzing nach seiner Nah-Ost-Reise erzählt. Und Du erzählst ihn immer, um für unangenehmes Schweigen zu sorgen. Aber ich will auf was anderes hinaus. Also? Wie viele Experten wählen den Fußballspruch des Jahres?“

„Hm, elf Freunde müsst ihr sein?“, antworte ich vage, weil es mich mehr beschäftigt, dass wir auch noch Glühbirnen kaufen und irgendwie mit dem Stromnetz verbinden müssen.

„14!“, schimpft Kurt, „14 sogenannte Experten braucht man, um den Fußballspruch des Jahres zu wählen! Allein für die Vorauswahl. Man stelle sich das vor. Da sitzen 14 Experten und diskutieren, ob Lothar Matthäus, Kevin Prince Boateng oder Thomas Hitzlsperger jetzt den schlaueren Spruch abgegeben haben.“

„Ich stelle mir das sehr unterhaltsam vor“, merke ich an und gieße mir Kaffee nach.

 

Bolzplatz-Kultur

 

Wäre, wäre, Fahrradkette ist noch nicht mal ein ganzer Satz, den Matthäus da von sich gegeben hat“, empört sich Kurt. „Nils Petersen sollte nach dieser Logik wegen seiner reflektierten Art mindestens einen Fußball-Nobelpreis bekommen, denn er hat sehr treffend das Konzept Fußball auf den Punkt gebracht: Salopp gesprochen, verblöde ich seit zehn Jahren, halte mich aber über Wasser, weil ich ganz gut kicken kann. – Das ist wahrhaftige Erkenntnis, fast schon im Stile eines Sokrates.

„Und wer hat jetzt gewonnen?“, frage ich, ohne den Blick von der Reklame-Beilage der Zeitung zu heben. Media Markt hat ein großartiges Angebot von zwölf Glühbirnen zum Preis von zehn. Und sie schicken sogar noch jemandem zum Montieren vorbei.

„Der Hitzlsperger“, fährt Kurt fort, „mit dem Satz, die Schweden sind wie die Mittdreißiger in der Disko: Hinten reinstellen und warten, ob sich was ergibt.

„Ah, klar, hinten reinstellen, weil er schwul ist“, ergänze ich politisch unkorrekt, während ich mit dem Smartphone die zwölf Glühbirnen zur Montage bestelle.

„Nein. Unsinn. Jedenfalls haben die Besucher der Gala zum Fußball-Kulturpreis dafür gestimmt“, erklärt Kurt.

Ich horche auf. „Es gibt einen Fußball-Kulturpreis?“, frage ich redundant in Richtung meines noch immer empörten Mitbewohners. „Es gibt mir inzwischen ausgesprochen zuviel Kultur. Da ist die neue Hass-Kultur, die…“

„Jaja“, unterbricht mich Kurt unwirsch, „keine Vorträge über den Kultur-Begriff und den Untergang der abendländischen Kultur durch die Kulturlosigkeit der herrschenden Klasse, bitte!“

„Wenn Fußball Kulturgut wird, dann ist er auch durch die Kunstfreiheit geschützt, oder?“, frage ich etwas verwirrt.

 

Die Dunkelheit der Humorlosigkeit

 

„Oh, das geht längst viel weiter. Kalle Rummenigge hat auf der Pressekonferenz des FC Bayern München darauf hingewiesen, dass nach Paragraph eins des Grundgesetzes die Würde des Fußballers unantastbar ist.“

„Heißt das, ich darf zwar den Menschen, hm, nehmen wir rein willkürlich – Juan Bernat – kritisieren und beleidigen, aber nicht den Fußballer Juan Bernat?“

„Ganz genau“, sagt Kurt, „du darfst sagen, dass der FC Bayern aus einem Haufen selbstverliebter Arschgeigen bestünde, aber unter gar keinen Umständen, dass sie im internationalen Vergleich keinen guten Fußball spielen würden!“

Es klingelt an der Haustüre. Media-Markt. Zwei Palästinenser beginnen das Dutzend Glühbirnen an den dafür vorgesehenen Kabeln anzubringen.

Ich setze gerade an, aufheiternd zu fragen: „Wisst ihr wie viele Palästinenser man braucht, um eine Glühbirne…“, da funkt Kurt dazwischen.

Die Schweden sind wie die Mittdreißiger in der Disko: Hinten reinstellen und warten, ob sich was ergibt“, zitiert er erneut Hitzlsperger, „genaugenommen ist das eine Kritik an der Art und Weise wie Schweden Fußball spielt, und damit von den obersten Fußballbundesverwaltungsrichtern, Uli Hoeneß und Kalle Rummenigge, aufs schärfste zu verurteilen!“

„Spielt bei den Schweden jemand von den Bayern?“, frage ich und wende mich gleich wieder den beiden Palästinensern zu. „Also. Um eine Glühbirne zu wechseln, wie viele Palästinenser braucht man da?“

Kurt ruft, „genau, du hast es erfasst, das ist wie im realen Leben. Das Gesetz misst mit zweierlei Maß. Mit Kritik an den Schweden gewinnt man Preise, mit der Kritik an der herrschenden Klasse, also am Rekordmeister, kassiert man eine Rüge!“

Die beiden Palästinenser blicken mich finster an. Ich pruste los: „Gar keinen, die sitzen im Dunkeln und geben den Juden die Schuld.“

Am Abend sitzen wir wieder im Dunkeln. Ein Teelicht flackert zum Wein auf dem Tisch. Die Palästinenser sind unverrichteter Dinge abgerauscht.

Kurt sagt: „Siehst Du, Deine Humor-Kultur benötigt dringend ein Upgrade. Wegen dir sitzen wir jetzt immer noch im Dunkeln.“

„Bin ich jetzt in der Metapher der Jude oder der Palästinenser?“, frage ich nachdenklich.

Kurt ignoriert mich, „der FC Bayern hat ja jüdische Wurzeln“, stellt er zusammenhanglos in den Raum.

„Heißt das, den FC Bayern zu kritisieren bedeutet, man sei antisemitisch?“, hake ich nach.

„Wer im Dunkeln sitzt, sollte nicht den ersten Stein werfen. Mehr sage ich dazu nicht“, sagt Kurt.

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Article by Fabian Schütz

Geboren in der Nähe von Augsburg, aufgewachsen ohne Verstand aber mit sehr lieben Eltern, hat traurige Berühmtheit als Klassenclown erlangt. Danach Buchhändler, dann Student des Journalismus und hat die Liebe zur Kunst entdeckt. Die Kunst des Blödsinns. Seitdem hat er beschlossen die Menschen um sich zum Lachen zu bringen. Er mag keinen Rosenkohl, Hitler und Katzen. Er glaubt das sei die Dreifaltigkeit aus der Hölle.