Hänsel, Greta und die gedankenlesende Hexe

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„Wieso trägst du bitte ein Eisbärkostüm?“, frage ich Kurt. „Das hier ist kein Faschingsumzug, sondern eine Demo für unser Klima und die Zukunft unserer und nachfolgender Generationen!“

„Im Prinzip ist das doch das Gleiche“, erwidert Kurt und hält sein Transparent hoch, auf dem Mehr Klima und weniger Wetter in bunten Lettern prangt. „Wir sagen die Wahrheit, aber keiner nimmt einen ernst. Lauter Narren, die gegen eine hoffnungslose Realität antreten.“

„Ich verstehe immer noch nicht, warum wir mit dem Auto nach Hamburg zu einer Klimademo gefahren sind.“, moniert meine Freundin, die Existenzangst.

„Um Greta Thunberg zu sehen“, sage ich. „Die 16-jährige Vorzeigeaktivistin. Wir wollten verstehen, warum ausgerechnet ein junges Mädchen aus Schweden Massen bewegen kann.“

„GRETA, LASS MICH DEIN HÄNSEL SEIN!“, brüllt Kurt mitten in der Menge Minderjähriger.

„Lass das“, schimpft meine Freundin, „das Mädel wird wegen ihrer Asperger-Erkrankung schon genug geHÄNSELt!“

„Wenn ihr die Wortspiele nicht lassen könnt, fahre ich heim“, sage ich. “Minderjährige für schlechte Gags missbrauchen? Ihr Grétas!”, rufe ich um einen phonetisch-französischen Wortwitz zu machen. Niemand versteht ihn.

Die Menge jubelt. Greta hat gerade irgendwas Ermahnendes gesagt. Die Frage ist eigentlich die: Sind wir die bösen Schurken, die lachend schlechte Wortspiele machen oder die, die eine Minderjährige durch sämtliche öffentliche Kanäle in Europa schleifen? Ich kehre in mich. “Jeder der Greta zujubelt macht sich mitschuldig. Was wusste ich denn mit 16!”

„Guck, lauter junge und engagierte Leute“, sagt die Existenzangst. „Die haben erkannt, dass wir etwas bewegen können, wenn wir nur laut genug sind und uns von Schuldirektoren und Politikern nicht einschüchtern lassen! WIR SIND MEHR!“

„Und wir haben schon erreicht, dass die Justizministerin Katharina Barley über eine Herabsetzung des Wahlalters nachdenkt“, grinst Kurt euphorisch.

„Aber das war doch gar nicht die Forderung“, entgegne ich verwirrt. „Die Politik soll in Sachen Umweltschutz klar Kante zeigen, Verantwortung übernehmen und auch die freie Wirtschaft zur Nachhaltigkeit erziehen.“

„Das ist eben die Politik der kleinen Schritte“, sagt die Existenzangst.

Alles bloß Show

Applaus brandet erneut auf, Fahnen und Transparente werden geschwenkt. Die Stimmung ist herausragend. „Eines Tages werden wir sagen können, dass WIR nicht schuld waren, wenn alles den Bach runtergeht, der sich von den schmelzenden Polen und den Gletschern über uns ergießt“, findet Kurt.

„Ich finde, das ist nur ein Trend. Eine Modeerscheinung wie der Punk. Es war mal eine gute Idee, aber hat sich dann kommerzialisiert. Das hier ist Demonstration light, barrierefreier Widerstand“, resigniere ich.

„Klar, du willst wieder Andreas Baader zurück und ein paar Kaufhäuser in Flammen sehen“, sagt Eisbär-Kurt.

„Der war immerhin älter als 16 und kein Medienliebling.“

„Brennende Kaufhäuser sind für die CO2-Bilanz sehr negativ“, wirft die Existenzangst ein.

„Auch wieder wahr“, nicke ich, „aber hier macht gerade einer mit seinem Smartphone ein Foto für seine Instagram-Story. Das hier ist nur Show. Sonst nichts.“

„Deine zynischen Vibes gehen mir echt auf den Eisbären-Sack!“

„Du nimmst das doch selbst nicht ernst. Vor ein paar Minuten hast du alle Teilnehmer hier als Narren bezeichnet.“

„Genau das macht die Show ja so real. Deine Punks waren Narren, deine RAF waren Narren, die 68er, die durch alle Instanzen wollten, haben sich selbst zum Narren gehalten und jetzt sind wir dran, Narren zu sein!“

„Narr…toll“, kichert die Existenzangst. „Punk is dead, but the fools are back!“

„Ich nenne das ganze Fool’s Garden“, lacht Kurt.

„Jedem seinen Lemontree“, grinst die Existenzangst.

Ich schüttle den Kopf. „Klasse Wortspiele“, kommentiere ich ironisch. „Fool’s Garden kennen die Kleinen hier höchstens noch vom Titelsong von Schwiegertochter gesucht.“

„REVOLUTION!“, brüllt Kurt.

Wir werden irritiert angestarrt.

„SCHULFREI!“, schreit die Existenzangst.

Wir werden herablassend bis verärgert gemustert.

„EISBÄREN NACH BERLIN!“, will ich schnell ablenken bevor die Stimmung um uns ungemütlich zu werden droht.

Ein Mädchen mit Dreadlocks nickt mir zu. „Genau! Wenn die Eisbären sich geschlossen bei unserer Regierung beschweren könnten, das wäre doch was. Da würden die aber ruckzuck ein paar Gesetze erlassen, wenn so ein wütender Bär im Bundestag sitzt.“

„Ja, Kurt Beck hat es leider nicht bis dahin geschafft. Hätte sich mal rasieren sollen“, mischt sich Kurt ein.

„Wer ist Kurt Becks?“, fragt das Dread-Mädchen verwirrt.

„Der ehemalige Trainer der Eisbären Berlin“, antwortet die Existenzangst in ernstem Tonfall.

„Oh, mit Fußball kenne ich mich nicht aus. Zu kommerziell“, sagt Dreads und holt ihr iPhone raus. „Selfietime!“

Die schärfsten Kritiker…

„Im Ernst?“, fragt Kurt. „So eine klischeehafte Kolumne willst du veröffentlichen? Naive Klima-Aktivisten mit iPhones? Ich hätte da auch noch einen Bahn-Witz oder du erwähnst die Handtaschensammlung unserer Mitbewohnerin.“

„Ich kann das einfach nicht mehr sehen und hören. Wir leben in der totalen sozialen Kälte und alles dreht sich um ein Mädchen aus Skandinavien…“

„…ist das der Teil, wo du Wetter und Klima verwechselst und darüber einen Witz machst, dass sich gerade die Schweden über ein paar Grad mehr freuen sollten?“, will meine Freundin wissen.

„Gedankenlesende Hexe“, sage ich und verlasse verärgert das Zimmer.

„Hihi“, kichert Kurt, „er ist so leicht zu verunsichern. Jetzt ist bei ihm aber Schlechtwetter-Stimmung.“

„Und er ist so doppelmoralisch“, fügt die Existenzangst giggelnd hinzu. „Inszeniert sich selbst, isst abgepacktes Fleisch, bestellt beim Lieferservice und hält sich für den Umweltpapst, weil er eine Monatskarte hat.“

„Die schärfsten Kritiker der Elche waren früher selber welche“, zitiert Kurt F.W. Bernstein.

 


Unser Autor Fabian wohnt in einer WG mit seinem Kumpel Kurt und seiner Geliebten, die bezeichnenderweise die Existenzangst ist. Die Existenzangst und er unterhalten ein sehr inniges bis amouröses Verhältnis.

Die drei unterhalten sich immer wieder über politische Themen oder Alltagssorgen und -nöte in einem völlig sinnfreien Universum.


 

Article by Fabian Schütz

Geboren in der Nähe von Augsburg, aufgewachsen ohne Verstand aber mit sehr lieben Eltern, hat traurige Berühmtheit als Klassenclown erlangt. Danach Buchhändler, dann Student des Journalismus und hat die Liebe zur Kunst entdeckt. Die Kunst des Blödsinns. Seitdem hat er beschlossen die Menschen um sich zum Lachen zu bringen. Er mag keinen Rosenkohl, Hitler und Katzen. Er glaubt das sei die Dreifaltigkeit aus der Hölle.

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