In Reno steht kein Elfenbeinturm

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„Musste das sein?“, frage ich Kurt verärgert. Wegen meinem Mitbewohner waren wir von der Hausparty geflogen.

„Was kann ich denn dafür, wenn die Angeber keinen Humor verstehen?“, verteidigt er sich.

Wir waren bei ein paar Bekannten zu Besuch gewesen, die von ihren Urlauben und allen dortigen Erlebnissen erzählt hatten. Schwimmen mit Haien, Fallschirmspringen über dem Regenwald und Elefantenreiten auf Thailand. Als die Blicke und Erwartungen uns trafen, hatte Kurt trocken gesagt: „Wir waren letztens in Reno und haben einen Mann getötet, bloß um ihm beim Sterben zuzusehen.“

„Außerdem hast DU dich doch vor Lachen nicht mehr eingekriegt“, fasst Kurt das Dilemma zusammen.

„Das stimmt natürlich, aber ich kenne auch Johnny Cash und dort kannte schon keiner mehr MTV.“

„Ach“, sagt die Existenzangst, „das sind doch alles von Papa finanzierte Spießer. Für die ist Individualität ein Hashtag.“

„Und der Abenteuerurlaub ist ungefähr so mutig wie eine Fahrt mit der Achterbahn, um dann zu erzählen, dass du Rennfahrer bist“, sagt Kurt. „Die brauchten mal einen Dämpfer.“

„Aber“, wirft die Existenzangst ein, „es war nicht unbedingt nötig Lisa zu erläutern, dass du gerne mal einem Elefanten ins Gesicht schießen willst, um aus seinem Elfenbein eine Wohnung zu bauen, die du dann über Airbnb an Militärdiktatoren als Urlaubsdomizil vermieten möchtest.“

„Doch“, widerspricht Kurt. „Diese hippe Veganer-Nudel lebt in irgendeinem moralisch überhöhten Elfenbeinturm und will MIR erklären, dass sie so wahnsinnig nachhaltig lebt und Urlaube im Einklang mit der Natur bevorzugt. So ein unsinniges Geplapper. Keiner von uns ist nachhaltig, sondern schlicht vergänglich und die Natur ist grausam. Wir haben uns an die Spitze der Nahrungskette gemobbt. Das war niemals demokratisch.“

Die Existenzangst sinniert darüber, wer bei einer demokratischen Wahl wohl gewonnen hätte.  „Dann würden wir wohl von Vögeln regiert. Wie bei Hitchcock. Trotzdem: man schießt einem Tier doch nicht…“

„Was glaubst du denn, was ein Elefant machen würde, wenn er ein Gewehr halten könnte? Genau. Er würde dich abknallen und aus deiner Haut eine Decke für kalte Tage…“

„Leute, das ist doch Quatsch“, sage ich. „Elefanten sind Dickhäuter und Vegetarier.“

„Dann stell dir eben einen Tiger mit Gewehr vor. Der würde nicht zögern abzudrücken und dich dann an seinen Nachwuchs zu verfüttern.“

„Ein wenig schlechtes Gewissen und Neid war doch bestimmt dabei, als du auf der Party angefangen hast rumzupöbeln, oder?“

„Möglich. Aber da sitzt eine ganze Generation in dem von Papa finanzierten Elfenbeinturm, hält Airbnb und Uber für ganz nachhaltige Errungenschaften, weil sie so praktisch und günstig sind, und feiern sich für ihren Einsatz gegen eine Verschlechterung des Klimas anstatt in der Schule zu lernen, was Airbnb mit dem Wohnungsmarkt anstellt und wer unsere Arbeitnehmerrechte immer weiter ausgehöhlt hat. Solche Pfeifen.“

„Aber ohne Bienen und Artenvielfalt…“, setzt die Existenzangst an.

 

Hobby-Hippies und Kunsttrottel

„Papperlapapp, geistige Vielfalt wäre mal was. Die CSU und CDU haben den Einsatz von Glyphosat befürwortet, den sozialen Wohnungsbau ruiniert und an den Immobilien-Großhandel weiterverscherbelt. Dagegen können diese Hobby-Hippies mal angehen. Spätestens dann, wenn sich herausstellt, dass eine WG in einem Bienenstock doch recht eng ist.“

„Oh, sind wir heute aber zynisch“, sage ich.

“Oh, sind wir heute moralisch wieder überheblich”, fügt die Existenzangst hinzu.

“Guck mal, ich bin Kurt und habe den größten…Elfenbeinturm”, feixe ich.

“Das ist witzig”, lacht meine Freundin, “weil Kurt im Prinzip gegen sich selbst wettert!”

„Klasse“, findet Kurt es gar nicht klasse, dass wir uns über ihn lustig machen. „Den Witz auch noch erklären. Ihr zwei seid auch so Stümper. Die Existenzangst fühlt sich nur in Kneipen und Kaschemmen richtig wohl und du sitzt da und willst mit Schreiben die Welt verändern. Die letzten, die das wirklich versucht haben, und ich meine wirklich, wurden von den Nazis hingerichtet.“

„Du willst mich jetzt an den Geschwistern Scholl messen?“, empöre ich mich. „Das ist nicht fair. Das waren ganz andere Zeiten.“

„Achja?“, fragt Kurt ungewohnt scharf. „Was hast du denn je Kritisches geschrieben, wofür wärst du bereit dir ins Gesicht schießen zu lassen?“

„Jetzt komm aber mal runter“, entgegne ich. „Mein Plan ist langfristig. Erstmal muss ich mit meiner Kunst Geld verdienen, dann kann ich…“

„Kunst“, äfft mich meine Freundin nach, „seht mich an, mein Name ist Fabian und ich bin ein Kunsttrottel!“

 

Aufgeben  – Eine Philosophie fürs Leben

„Ganz genau”, springt Kurt meiner Freundin bei, “das ist so wie letzte Woche als du einen Nagel in die Wand geschlagen hast, deinen Hut dort hingehängt und behauptet hast das sei Kunst, weil es ein Symbol unserer menschlichen Fähigkeit zum Aufgeben auf mehreren Ebenen widerspiegle.“

„Ja“, sage ich leicht gekränkt, „das ist ein wesentlicher Zug von uns Menschen. Wir können aufgeben. Einfach loslassen und uns für Verweigerung entscheiden. Bewusst.“

„Deinem Verstand verweigerst du dich vorbildlich“, provoziert Kurt.

„Ich fange als kleiner Künstler an, versuche dann in den Vorstand eines Museums zu gelangen, anschließend in die Aufsichtsräte sämtlicher Künstlervereinigungen und kaufe dann in beratender Funktion meine eigene Kunst ein, worauf deren Preis durch die Decke geht.“

„Ich finde du solltest dich an den Plan mit dem Aufgeben halten“, kichert meine Freundin.

„Und ich habe Angst. Ein gescheiterter Künstler bedeutet oftmals Ärger“, sagt Kurt.

„Du machst hier doch den Ärger“, sage ich. „Mein Plan ist eine Parabel auf unsere Zeit und viel mehr als nur bloßes Vorhaben. Heute noch Kolumnen, morgen Bestseller und dann endlich mein eigener gesponsorter Blog“, fantasiere ich mir eine Zukunft zusammen. „Influencer einer Generation, Wortakrobatik und messerscharfer Verstand treffen auf…“

„…eine Welt voller Narzissmus, Egozentrik und Schwachsinn mit einer gehörigen Portion Selbstüberschätzung. Die Realität ist unverdaulich“, reißt mich Kurt gewohnt hart aus meiner Träumerei.

 

Elfenbeinturm oder FastFood-Restaurant

Als wir zwei Wochen später bei den Eltern meiner Freundin zum Essen eingeladen sind, erläutert ihre Mutter gerade, dass die dauernden Meldungen von Messerangriffen ihr Angst machen und sie sich kaum noch nach draußen traue. Kurt beruhigt sie: „Es ist statistisch wahrscheinlicher, dass du in deinen eigenen vier Wänden ermordet wirst. Von deinem Partner.“

Ich stöhne. Papa Existenzangst empfiehlt uns nachdrücklich heute lieber  bei einem FastFood-Restaurant unserer Wahl zu essen.

„Weißt du“, sagt Kurt, während wir nachhaltig ganz viel Müll beim Essen produzieren, der uns vermutlich überleben wird. „Ich habe darüber nachgedacht. Verfolge deine Träume nur weiter. Aber wer gibt den Leuten mehr zu denken im Hinblick als Influencer? Du, der Unterhaltung mit einem Anstrich von Bildung betreibt oder ich, der aneckt, weil er die Selbstgefälligkeiten demaskiert?“

„Hm. Weise. Also ist jeder Follower nur die Bestätigung des eigenen Weltbildes, der wiederum sein Weltbild in dir bestätigt sieht und somit gar keine Diversität entstehen kann, weil es keine Diskussion gibt, sondern nur noch Gleichgesinnte?“

„Ganz genau.“

„Ist dann halt nur blöd, wenn man die besseren Argumente hat aber, anstatt im Elfenbeinturm, allein im McDonald’s sitzt. Du weißt wie Cash’s Song endet?”

“Far from Folsom Prison
That’s where I want to stay
And I’d let that lonesome whistle
Blow my blues away…” summt Kurt.

“Wenn man Folsom Prison jetzt durch Elfenbeinturm ersetzt…”, will ich gerade sagen.

“Nein, das ist keine Kunst. Kunst ist es das alles zu ertragen und NICHT den Blues zu bekommen.”

 


Unser Autor Fabian wohnt seit geraumer Zeit in einer WG mit seinem Kumpel Kurt, der gelegentlich zu Übertreibungen neigt und für Krawall jederzeit zu haben ist.
Seit einigen Monaten hat sich die Existenzangst zu den beiden gesellt, die inzwischen auch ein amouröses Verhältnis mit unserem Autor unterhält. Alle drei mögen Kaffee und Wein.

Die drei unterhalten sich immer wieder über politische Themen oder Alltagssorgen und -nöte in einem völlig sinnfreien Universum.


 

Article by Fabian Schütz

Geboren in der Nähe von Augsburg, aufgewachsen ohne Verstand aber mit sehr lieben Eltern, hat traurige Berühmtheit als Klassenclown erlangt. Danach Buchhändler, dann Student des Journalismus und hat die Liebe zur Kunst entdeckt. Die Kunst des Blödsinns. Seitdem hat er beschlossen die Menschen um sich zum Lachen zu bringen. Er mag keinen Rosenkohl, Hitler und Katzen. Er glaubt das sei die Dreifaltigkeit aus der Hölle.