Interview: Johannes Dallheimer (FDP)

Es gibt Bundestagskandidaten, die so jung sind, dass sie selbst noch an kaum einer Wahl teilnehmen durften. Wir stellen euch die jungen Kandidaten der verschiedenen Parteien in einem ausführlichen Interview vor. Alle eint der Wunsch, dass sich die Politik mehr um die Belange der jungen Menschen kümmern muss.

Johannes Dallheimer ist 23 Jahre jung. Er ist Bundestagsdirektkandidat für die FDP Ansbach.

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Was würden Sie an Ihrem ersten Tag im Bundestag machen?

Johannes Dallheimer
Ich würde mir wohl erst einmal alles anschauen und mir angucken, wie Politikmachen auf Bundesebene funktioniert. Das ist denke ich der Sinn dahinter, dass man sich als junger Abgeordneter erst einmal alle Dinge anschaut und nicht sofort loslegt, sondern ein Gefühl bekommt.

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Sie sind 23 Jahre jung und Vorsitzender der liberalen Hochschulgruppen. Sie haben eine eigene Wikipediaseite, eine schicke Webseite mit schwarz-weiß Bilder alla Christian Lindner. Insgesamt sehr professionell und das in jungen Jahren. Wollen Sie wirklich in den Bundestag, um etwas zu bewegen? Oder wollen Sie in den Bundestag, um in den Bundestag zu kommen?

Johannes Dallheimer
Jeder Bundestagskandidat der FDP bekommt so eine Kandidatenseite, von daher ist das nichts anderes, als die Infrastruktur der Partei. Was ich sehr gut finde, vor allem als Unterstützung für junge Leute, die sich das vielleicht nicht leisten können. Ich will in den Bundestag, vor allem deswegen, weil ich auf der hochschulpolitischen Seite gemerkt habe, dass man oft an seine Grenzen stößt. Man kann vor Ort vieles machen, zum Beispiel als Bürgermeister oder Stadtrat. Aber die großen Dinge werden auf Bundesebene entschieden. Da geht es dann eben darum: Wie hoch soll der BAföG-Satz sein? Wie soll das Verhältnis von Bund und Ländern bei der Finanzierung sein? Auf Uni- oder Länderebene kommt man da irgendwann nicht mehr weiter.

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Sie haben die mexikanische und die deutsche Staatsbürgerschaft. Warum ist es Ihnen wichtig, dass man nicht vor die Wahl zwischen zwei Identitäten gestellt wird?

Johannes Dallheimer
Ich glaube, dass die Staatsbürgerschaft auch ein Teil der Persönlichkeit ist. Man muss sich, wenn man 18 ist, ja auch nicht entscheiden, ob man lieber Mama oder Papa mag. Natürlich habe ich irgendwo den mexikanischen Teil in mir, irgendwo den deutschen Teil und das ist beides Teil meiner Persönlichkeit. Darum will ich mich nicht entscheiden müssen. Das hat gar nicht unbedingt mit Rechten und Pflichten, mit Gesetzen und sonst was zu tun. Für mich ist das einfach nur ein Teil von mir selbst. Ich möchte mich nicht aufteilen und darum verstehe ich nicht, dass mir das andere wegnehmen wollen.

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Sie sind für die Wiedereinführung von Studiengebühren, obwohl Sie selbst Student sind. Warum?

Johannes Dallheimer
Ich bin für die Wiedereinführung der nachgelagerten Studiengebühren. Ich glaube das ist ein gutes Konzept, um mitzuhelfen, die Universitäten auszufinanzieren. Martin Schulz und linke Parteien sagen immer, sie wollen Bildung kostenlos haben. Nur: Bildung ist nicht kostenlos. Einer muss zahlen. Momentan ist das der Steuerzahler und nicht der Student selbst, weil der Student meistens sehr wenig Steuern zahlt, was ich auch absolut für richtig halte. Doch momentan zahlt zum Beispiel die Kassiererin im Supermarkt mein Studium. Wenn ich dann fertig bin, meinen Bachelor oder Master mache, dann verdiene ich irgendwann mehr als sie und trotzdem hat sie mir meine Ausbildung gezahlt. Während der Auszubildende, wenn er zum Beispiel Heilpraktiker werden will, seine Ausbildung selber zahlen muss. Ich fände es fairer, wenn man das an das Einkommen danach koppelt. Dass man sagt: „Du bist Arzt geworden, du bist Anwalt geworden, du bist Manager geworden. Du kommst über einen bestimmten Betrag.“ Zum Beispiel das Durchschnittseinkommen. Dass man dann einen Teil wieder zurückzahlt und das direkt an die Universitäten geht. Sodass das an sich eine Art Steuererhöhung ist. Da kann man sich natürlich fragen, wie die FDP für eine Steuererhöhung sein kann, nachdem sie sonst für Steuersenkung ist. Aber ich glaube, es ist fairer, als das momentane System.

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Bleiben wir bei der Bildung. Sie sind für ein elternunabhängiges BAföG. Finden Sie es denn nicht unfair, wenn jemand mit wohlhabenden Eltern den gleichen Anspruch darauf hat wie jemand, dessen Eltern nicht wohlhabend sind?

Johannes Dallheimer
Ich finde es erst einmal unfair, dass manche Leute Geld bekommen und manche nicht. Obwohl sich das Einkommen oft gar nicht so sehr unterscheidet. Wenn man ein bisschen mehr Geld hat, bekommt man schon kein BAföG mehr. Ich glaube, Jeder sollte ein Anrecht haben, zu studieren, unabhängig davon, wie viel die Eltern verdienen.

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Wenn man das BAföG zurückzahlen muss und dazu die von der FDP geforderten Studiengebühren, dann beginnt man sein Berufsleben ja damit, dass man erst einmal Schulden zurückzahlt.

Johannes Dallheimer
Beim BAföG zahle ich zu Beginn tatsächlich einen Teil zurück, das ist richtig. Bei den nachgelagerten Studiengebühren nicht, da man da erst bei einer bestimmten Grenze wie dem Durchschnitsseinkommen anfängt, sie zurückzuzahlen. Die wenigsten Leute fangen mit dem Durchschnittsgehalt an. Von daher glaube ich nicht, dass die beiden Sachen zusammenfallen. Das ist eher ein stetiger Prozess.

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Sie sagen, Sie setzen sich für die weltbeste Bildung ein. Dazu gehört für Sie auch, dass der Wettbewerb angeregt wird und jeder die gleichen Chancen hat. Wie will die FDP das erreichen?

Johannes Dallheimer
Wir unterstützen, dass das letzte Kindergartenjahr frei ist. Dann fangen wir an mit der Ausfinanzierung der Schulen und Hochschulen. Bessere Bezahlung von Lehrern ist mir wichtig. Weiter geht es mit der Digitalisierung der Schulen. Dazu gehört freies WLAN, die Integration des Handys und lernen, wie man mit dem Internet überhaupt umgeht. Dann geht es auch darum, dass man das Ganze flexibilisiert und schaut, wie man sich sein eigenes Lernen selber einteilt. Wie die Wahlfreiheit zwischen G8 und G9. Dann, dass man mehr Teilzeitstudiengänge hat, dass man keine Anwesenheitspflichten an den Hochschulen hat. Wenn man sich um Angehörige kümmern muss, wenn man ein Kind bekommt. Dass man abends lernen kann, indem man die Vorlesungen auf Video hat. Es sind so viele Dinge, die wir anpacken müssen, aber momentan passiert gar nichts. Darum ist die weltbeste Bildung, wenn wir überhaupt irgendwas machen, aber wir wollen natürlich so viel wie möglich davon machen. Was man auf keinen Fall machen darf, sind Experimente.

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Zur Wirtschaft: Sie sind der Ansicht, dass die Soziale Marktwirtschaft Basis für Wohlstand ist. Dass man unternehmerische Freiräume stärken müsse und bürokratische Belastungen für Unternehmer vermindern müsse. Unter anderem, indem man nicht mehr dokumentiert, ob der Arbeitgeber den Mindestlohn auszahlt. Übersetzt heißt das also: Es geht allen Menschen in Deutschland gut, wenn es den Unternehmen gut geht und sie mehr Freiheiten haben.

Johannes Dallheimer
Ich glaube, dass Freiheit immer mit Verantwortung einhergehen muss. Wie beim Dieselskandal, muss man von Unternehmen Verantwortung fordern. Es geht darum, den Verbraucher zu schützen, ihn aufzuklären was er kauft. Es geht aber auch darum, die Unternehmen zur Rechenschaft zu ziehen, dass man große Unternehmen und Banken nicht rettet. Dass man, wie Air Berlin, keine dauerhaften Kredite fordert. Wer gegen die Regeln verstößt, der hat auch keinen Anspruch mehr darauf. Auf der anderen Seite, muss man dem Unternehmer aber auch vertrauen und ihm Freiheiten geben. Ihn vor allem von der Bürokratie zu entlasten. Natürlich möchte ich sie nicht ganz abschaffen, aber solche unsinnigen Dinge, wie die Dokumentation des Mindestlohns. Da muss der Unternehmer extra dafür entweder einen neuen Mitarbeiter einstellen, oder selber den halben Tag dasitzen. Neben dem was er eigentlich macht, nochmal die Bürokratie zu bearbeiten, ist nicht das richtige Mittel, um am Ende eine starke Marktwirtschaft zu haben.

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Wenn es dem Unternehmen gut geht, heißt das noch nicht, dass es dem Arbeitnehmer gut geht.

Johannes Dallheimer
Das ist richtig. Aber dafür haben wir ja ein soziales Sicherheitssystem. Wenn wir jetzt zum Beispiel jemanden haben, der dann noch zusätzlich Geld vom Staat bekommt oder noch zusätzlich aufstocken muss, oder sonst noch was, dann liegt das nicht am Unternehmer, würde ich sagen.

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Sehen Sie dann den Staat in der Pflicht?

Johannes Dallheimer
Ich sehe den Staat in der Pflicht, auf jeden Fall Sicherheitssysteme anzubieten, um diesen Leuten zu helfen. Es darf in Deutschland niemand auf der Straße leben. Wir haben ein gutes Sozialsystem, eine starke Marktwirtschaft und da muss der Staat dafür sorgen, dass das weiter bestehen bleibt. Und das tut er auch durch die Steuern der Unternehmen und der Arbeitnehmer. Ich halte aber nichts vom Thema Umverteilung, ich glaube, wer Geld erwirtschaftet, hat auch einen Anspruch darauf dieses zu einem gewissen Teil zu behalten. Deshalb halte ich auch nichts von einer Millionärssteuer, oder von einer bestimmten Grenze, das man sagt ab einem bestimmten Betrag, braucht man dieses Geld gar nicht. Vor allem beim Thema Erbschaftssteuer ist es auch so, dass viele Unternehmer, nach ihrem Tod, das Geld in ihr Unternehmen stecken. Und das Geld, dass die da haben, liegt ja nicht bar unter ihrem Bett versteckt, sondern das steckt ja auch in Anteilen im Unternehmen, im Fuhrpark, im Besitz, im Grund und im Boden. Und da kann man das denen nicht einfach abnehmen, nur weil man sagt: „Ihr habt einfach zu viel Geld“.

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Also sehen Sie, anders als linke Parteien, keinen Handlungsbedarf?

Johannes Dallheimer
Beim Thema Umverteilung? Nein.

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Wie sieht Ihre Energiepolitik aus? Hundertprozentiger Umstieg auf erneuerbare Energien oder nicht?

Johannes Dallheimer
Ich glaube, dass wir noch nicht soweit sind. Mein Wunsch wäre natürlich hundert Prozent erneuerbare Energie. Ich glaube, das ist etwas Großartiges. Es gibt aber noch nicht die nötigen Instrumente dazu, die Energie auch zu speichern. Nicht unbedingt von Tag auf Nacht, sondern von Sommer auf Winter. Wenn wir uns ansehen, was dieses Jahr im Januar schon passiert ist. Wenn auf einmal die Sonne nicht oft genug scheint, wenn der Wind nicht oft genug weht, dass wir dann auf einmal die Kohlekraftwerke auslasten müssen, nur damit wir keinen Energiemangel haben. Das Wichtigste ist, Forschung und Entwicklung zu betreiben, um tatsächlich auch speichern zu können. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis wir dahin kommen. Ich halte aber nichts vom Thema Verboten, dass wir sagen: Bis 2030 ist der Diesel abgeschafft. Letztendlich hängt das von der Forschung und Entwicklung ab. Wenn wir morgen den Durchbruch haben, dann sind in zwei Jahren die E-Autos die Normalität, dann brauchen wir nicht auf 2030 warten.

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Und so lange sollten wir auf Kohlekraft als Übergangstechnologie setzten?

Johannes Dallheimer
Kohlekraft ist dazu da um den Strom zu stabilisieren, damit wir überhaupt genug Strom haben. Ich würde mir wünschen, dass wir die Kohlekraftwerke abschalten, damit wir nicht mehr solche luftverpestenden Sachen haben. Vor allem weil Kohle viel schädlicher für das Klima ist, als alles andere. Klar, wenn ein Atomkraftwerk explodiert, dann ist das schlecht, aber erst mal ist Kohle für den Klimawandel das schädlichere. Ich bin auch nicht für Atomenergie, aber wenn man sich den Klimawandel anschaut, dann liegt das nicht an der Atomenergie. Das liegt an der Kohle.

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Also dann doch lieber die Atomkraftwerke länger betreiben?

Johannes Dallheimer
Nein, das glaube ich nicht. Ich glaube, man muss sich überlegen, ob man nicht vielleicht das Thema Gas stärker fördert. Biogasanlagen, aber auch Fracking, also dass man Gas auch aus der Erde fördert. Fracking ist auch umstritten und es gibt auch einiges an Gefahren. Deshalb muss man darüber reden: Macht es an diesem Standort Sinn? Wollen das die Leute? Ist das gefährlich oder nicht? Wenn man sagt, das wollen die Leute, dann sollte man das tun und lieber dann ein Kohlekraftwerk zu machen. Aber was natürlich auch nicht passieren darf, ist dass das Stromnetz kollabiert und wir am Schluss keinen Strom mehr haben.

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Sie haben teilweise ein paar Themen angesprochen, die man doch eher links einordnen würde. Heißt das, Sie wären grundsätzlich für eine Koalition mit der SPD und den Grünen offen?

Johannes Dallheimer
Ich entscheide das nicht, aber ich persönlich bin offen für alle Koalitionen. Wir haben aus den vergangen Jahren, also 2013 sowie 2009 gelernt, dass wir nicht mit denen koalieren sollten, die uns irgendwelche Dienstwägen anbieten, sondern mit denen arbeiten, mit denen wir unsere Inhalte durchbringen können. Ob das jetzt mit der CDU/CSU ist oder mit der SPD und den Grünen, das entscheidet sich dann. Ich würde auf keinen Fall ausschließen, mit der SPD und den Grünen zu regieren, genauso wenig würde ich ausschließen mit der CDU/CSU zusammen zu regieren. Mehrheitsmäßig sieht es im Moment eher nach Schwarz-Gelb aus.

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Zum Schluss: Was qualifiziert Sie als Bundestagskandidaten?

Johannes Dallheimer
Der Durchschnittskandidat für den Bundestag ist 50, Jurist und hat auch schon mal irgendwie in einer Partei was gemacht. Ich glaube, der Bundestag sollte die gesamte Gesellschaft repräsentieren und dazu gehören auch die jungen Leute. Wir haben eine andere Sicht auf die Dinge, wir denken anders und haben unser ganzes Leben noch vor uns. Ich mach also nicht Politik für meine Kinder, sondern auch für mich: Wie will ich in 20 Jahren leben? Das qualifiziert prinzipiell alle jungen Leute. Mich speziell, weil ich mich um das Thema Bildung kümmern möchte. Bildung sichert uns Wohlstand.

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Article by Baha Kirlidokme