Jazz auf Eis – Zwischen Musik und Klimawandel

jazz auf eis

Der norwegische Musiker Terje Isungset baut Instrumente aus Eis. Aus einem Stück gefrorenem See wird so ein Kontrabass oder ein Horn. Seit 20 Jahren ist seine Motivation dabei Umweltschutz.

Langsam fährt die Ladeplatte des Eistruckes herunter. Gerade ist die Ladung frisch geerntetes Eis im Münchner Werksviertel angekommen. Der norwegische Musiker Terje Isungset steht schon gespannt bereit. Dann betritt der 51-Jährige den Kühlraum und begutachtet die Eisblöcke. Er trägt einen warmen Pulli mit einem typisch norwegischen Muster. Mit seinen mittellangen grauen Haaren und seinem Outfit sieht er genauso aus, wie man sich einen Norweger vorstellt.

Die Idee mit Eis Musik zu machen, hatte er vor 20 Jahren. Bei einem Konzert unter einem gefrorenen Wasserfall wollte er die Natur mit in seine Musik einbauen. „Als ich den Klang des Eises gehört habe, war der so fantastisch, so schön, dass ich mich verliebt habe und nicht mehr damit aufhören konnte“, schwärmt der Jazzmusiker.  

Terje Isungset spielt auf einem Eis-Horn

Mit größtmöglicher Vorsicht laden Isungset und sein Team die Eisblöcke ab. Neben dem Truck stehen Bierbänke, ein Gabelstapler und verschiedene Werkzeuge bereit. Eiswerkstatt nennen das die Künstler. Hier werden in den nächsten Tagen Instrumente aus Eis gebaut. Dazu schneiden sie die Eisblöcke zurecht. Mal mit einer Kettensäge, mal in Feinarbeit mit einem kleinen Messer. Als Klebstoff fungiert Wasser, das über die Klangkörper gegossen wird. Am Ende entstehen Instrumente, die ihren Pendants aus Holz oder Metall zum verwechseln ähnlich sehen. Gespielt werden die Instrumente wenige Tage später auf dem Festival “out of the box”.

Das Eis wurde wenige Tage vorher aus dem österreichischen Weissensee geerntet. “Es ist wichtig, natürliches Eis zu nehmen. Eis aus einer Fabrik klingt einfach nicht”, erklärt Isungset. Der Instrumentenbauer Even Rygg ist einige Tage früher angereist und zusammen mit der Festivalleiterin Martina Taubenberger nach Österreich gefahren. Auf dem Weissensee ist schon James Bond im Film “Der Hauch des Todes” gefahren. Damals hat Norbert Janker dafür gesorgt, dass auf dem Eis alles glatt geht. Seit 50 Jahren ist er hier der Herr über das Eis. Gibt er sein Okay, darf das Eis betreten werden und die Gäste kommen in Scharen zum Schlittschuhfahren.

Dass mit Eis musiziert wird, ist selbst für den erfahrenen Eismeister etwas völlig Neues. Natürlich war er neugierig, als die Anfrage kam, Eis aus seinem See für den Instrumentenbau zu verwenden. Am Weissensee angekommen steigt Even Rygg aus dem Kleinbus. Er legt routiniert Spikes um seine Winterstiefel, setzt eine warme Mütze auf und zieht sich Handschuhe an. Dann geht er zu Norbert Janker und schüttelt ihm die Hand. Die beiden teilen eine Faszination für Eis, aber keine gemeinsame Sprache. Mit einem sympathisch urigen österreichischen Akzent begrüßt der Eismeister die Gäste, die gerade aus München angekommen sind. „Den Bereich dahinten habe ich extra abgesperrt. Da können wir Eis rausschneiden“, erklärt Janker und zeigt auf eine Stelle am Rand des Weissensee. Martina Taubenberger dolmetscht für Even Rygg.

Als die Gruppe an der mit weiß-rotem Absperrband markierten Stelle ankommt, unterbricht das laute Geräusch einer Kettensäge die Ruhe auf dem zugefrorenen See. Norbert Janker schneidet einen großen Eisblock heraus und hebt diesen vorsichtig mit einer Zange aus dem See. Jetzt tritt Even Rygg neben ihn und gibt ihm freundlich zu verstehen, dass er übernehmen möchte. Der Eismeister legt den frisch gesägten länglichen Block auf den Boden. Rygg zieht einen Handschuh aus und nimmt ein Messer, mit dem er vorsichtig die Seiten des Eisblockes abschleift. Auf die zwei großen Eisblöcke, die schon vorbereitet neben dem Absperrband bereitstehen, legt er erst einen Handschuh und sein Messer, dann das frisch geerntete Eisstück. „Wegen des Sounds“, erklärt er dem verdutzten Eismeister, während er ein kleines Eisstück nimmt und vorsichtig auf den Block schlägt. Immer wieder an einer anderen Stelle und immer klingt es etwas anders. Sein Ohr hat er dabei ganz nah an der durchsichtigen Eisplatte. „Das klingt sehr gut“, antwortet der junge Norweger auf die Frage, ob sich die Fahrt gelohnt habe.

Even Rygg testet den Klang des frisch geernteten Eis auf dem Weissensee

Zurück in München steht auch Even Rygg in der Eiswerkstatt und arbeitet an den Instrumenten. Mit einem Schaber kratzt er Stück für Stück Eis von einem Block. Langsam wird klar, dass hier gerade ein Kontrabass entsteht. Fasziniert bleiben immer wieder Passanten stehen, schauen gespannt zu und machen ein Foto.

Wie bereitet sich ein Musiker eigentlich auf ein Konzert mit Eis-Instrumenten vor? Eben jenen Instrumenten, die erst wenige Tage vor dem Konzert gebaut werden. „Wir proben auch ohne Eis. Es ist kaum möglich mit Eis-Instrumenten zu proben, weil sie schmelzen und ich keine Kühlkammer zuhause habe“, erklärt Isungset. Die meiste Praxis habe er bei seinen Konzerten gesammelt. „Zum Glück geben wir viele Konzerte“, fügt der Norweger hinzu.

Mit seiner Eismusik möchte Terje Isungset die Botschaft der schmelzenden Gletscher verbreiten. „Ich beschäftige mich schon mit Umweltproblemen, seit ich ein Teenager war. Das ist heute immer noch wichtig, wahrscheinlich sogar noch wichtiger“, erzählt Isungset. Deswegen arbeitet der Musiker seit 2007 auch mit Wissenschaftlern zusammen: „Wir versuchen eine Kunst zu erschaffen, mit der wir die Botschaft der Fakten vermitteln können, ohne die blanken Fakten zu erzählen.“ Für ihn ist es wichtig auch junge Menschen mit seiner Kunst zu erreichen. Deswegen wird er auf dem Festival neben den drei Konzerten am Abend auch eines am Nachmittag speziell für Kinder geben. Und deswegen haben die Veranstalter auch Schüler eingeladen, die Eiswerkstatt zu besuchen.

Terje Isungset (rechts) gemeinsam mit Even Rygg vor einem Xylophon aus Eis

So versammelt sich die Klasse 5a der benachbarten Adalbert-Stifter-Realschule vor einer langen Bierbank, hinter der Terje Isungset steht. Im Hintergrund wird der Eis-Kontrabass mit einem Gabelstapler in die Luft gehoben. Der Musiker holt zwei Eisblöcke aus der Kühlbox neben ihm heraus. Er öffnet eine Piano-App auf seinem Smartphone und spielt ein C. Dann schlägt er mit seinem Zeigefinger auf das Eis. „Der gleiche Ton“, erklärt der 51-Jährige den Schülern auf Englisch. Die Lehrerin Beate Betz übersetzt und fragt ihre Schüler, was sie von dem Musiker wissen möchten. „Kann man auch eine Flöte aus dem Eis machen?“, fragt einer der Schüler. „Klar. Habe ich mal probiert, ist aber nach 3 Minuten geschmolzen.“

Dass die Instrumente schmelzen, ist für die Musiker um Terje Isungset auch am Abend beim Konzert eine Herausforderung. Zwar ist München im Januar mit Temperaturen um die sechs Grad noch gnädig zu den Eismusikanten. Trotzdem muss der Eis-Kontrabass immer wieder nachgestimmt werden.

Viktor Reuter spielt einen Eis-Kontrabass

Das Konzert findet auf einer Dachterrasse im Werksviertel statt. Letztes Jahr war es hier noch so verschneit, dass eines der Konzerte nach innen verlegt werden musste. Aber in diesem Jahr ist das Wetter perfekt, wie der begeisterte Isungset erzählt. Die Klänge, die von der Bühne kommen, sind mal klassisch jazzig, dann wieder etwas experimenteller. Emotional wird es, als Terje Isungset ein Stück ankündigt, für das er zusammen mit Forschern zu einem Gletscher gefahren ist und die Schmelzgeräusche aufgezeichnet hat. Im Publikum wird es ganz still. Alle stecken ihre Smartphones ein. Keiner macht mehr Fotos. Die bedrückte Stimmung, die dem Publikum anzumerken ist, macht deutlich, warum der Musiker so überzeugt ist, dass er mit seiner Kunst die Botschaften der Wissenschaft vermitteln kann.

Nebst Terje Isungset stehen noch vier weitere Musiker auf der Bühne. Neben dem Kontrabass mit einem Holzsteg und einem großen Klangkörper aus Eis, gibt es noch eine Trommel, ein Xylophon, ein Glockenspiel, eine Harfe und ein riesiges Alphorn. Natürlich alles gebaut mit Eis aus dem Weissensee. Das klingt nicht nur spannend, es sieht auch entsprechend aus. Nicht zuletzt wegen den beleuchteten Eisskulpturen, die der Schweizer Bildhauer Eric Mutel beigesteuert hat. 

Kurz vor seinem letzten Konzert auf diesem Festival sitzt Terje Isungset neben zwei Wissenschaftlern. Auf einer Podiumsdiskussion wollen sie über den Klimawandel und Nachhaltigkeit sprechen. Die beiden Gletscherforscher präsentieren ihre Forschungsergebnisse. Viel spannender ist aber die Frage, wie sie selbst mit dem Thema umgehen: Was gibt einem Wissenschaftler noch Hoffnung, der die Aussichtslosigkeit der Situation so gut versteht, wie kein anderer? „Für mich persönlich finde ich es sehr wichtig, nicht die Hoffnung zu verlieren“, sagt der 27-jährige Glaziologe Nicolas Stoll entschlossen. Lange Zeit habe er gedacht, dass es einmal richtig weh tun müsse, damit sich die Menschheit verändere. Seit den Buschbränden in Australien setzt er darauf allerdings keine Hoffnung mehr. Vielmehr hofft er jetzt auf die Fridays-for-Future-Bewegung, hinter der ja auch die Wissenschaft stehe.

„Terje muss uns jetzt leider schon verlassen und sich auf sein Konzert vorbereiten“, kündigt Martina Taubenberger in der Mitte der Diskussion an, während der Musiker seine Jacke anzieht.

Es gibt Konzerte, da schmeißt der Schlagzeuger seine Drumsticks zum Schluss ins Publikum. Terje Isungset geht noch einen Schritt weiter. Als sein Jubiläumskonzert zu Ende geht, fängt er an seine Instrumente zu verschenken. „Dieses empfehle ich zu trinken“, sagt der Norweger, als er einen Stab aus seinem Eis-Glockenspiel in das Publikum reicht. Eine Platte von seinem Eis-Xylophon verschenkt er mit dem Hinweis, dass sich das prima vor die Augen halten lässt, wenn etwas schreckliches im Fernsehen läuft – zum Beispiel die amerikanische Politik.

Als der letzte Ton der Zugabe verstummt, geht das Publikum wieder in den Barbereich neben der Bühne. Einige finden noch warme Worte für Terje Isungset. „Was passiert denn jetzt eigentlich mit den großen Instrumenten, die da noch draußen stehen?”, will eine Frau wissen. „Die werden morgen früh zerstört. Quasi wieder in die Natur zurückgeführt“, antwortet der Musiker mit einem Lächeln auf den Lippen und nippt an seinem Glühwein.

Lukas Rumpler

Article by Lukas Rumpler

Seit zehn Jahren Blogger. Im Laufe der Zeit zum Journalisten geworden. Journalismus an der Hochschule Ansbach gelernt. Stationen dabei beim ZDF und Bayerischen Rundfunk.