Juni: Grüß Gott, die Polizei

titelbild juni

IrRelevant – die Monatskritik

IrRelevant – Jetzt auch zum Hören

Der Juni hat Geschichte geschrieben. Nachdem ein schwarzer US-Bürger in Minneapolis durch übermäßige Polizeigewalt ums Leben kommt, solidarisieren sich viele Menschen mit der “Black Lives Matter”-Bewegung. Außer Donald Trump. Der solidarisiert sich vor allem mit sich selbst und post mit der Bibel medienwirksam vor der berühmten Saint John’s Kirche. Dass er dafür im Vorfeld Demonstranten niederknüppeln lassen muss und der Umschlag der Bibel “schwarz” ist, bleibt historische Randnotiz.

In den Mittelpunkt der Diskussionen rückt die Polizei. Haben die Cops in den USA gerne eine gewisse Sheriff-Mentalität und schießen bevor sie Fragen stellen, hat die Polizei in Bayern dagegen Uniformen, die eine Benutzung des Urinals verkomplizieren. In Berlin wird unterdessen das Antidiskriminierungsgesetz vorangebracht. Kontrollierende Polizisten müssen nun im Zweifel beweisen, dass sie ihrer Arbeit nicht aus rassistischen Motiven nachgehen. Horst Seehofer findet es jedenfalls doof, obwohl Bayern ja bekanntlich tiefschwarz ist. Zumindest politisch.

Tausende gehen inzwischen weltweit  auf die Straßen, stürzen Statuen, Skulpturen und Schaufensterscheiben. Manche randalieren sogar. Donald Erdo…äh Trump will, um alles im Keim zu ersticken, sogar das Militär einsetzen, auf das eigene Volk schießen lassen, zumindest solange, bis diese Demokraten, äh, Antifa, aus dem eigenen Land verschwunden sind.  Schließlich steht der Wahlkampfauftakt ins weiße Haus. Der steht in Tulsa aber eher unter dem Zeichen: „Stell dir vor, es kommt der Präsident und keiner geht hin.“ Weniger Zuschauer hat noch nicht mal der 1. FC Union Berlin.

Im Mittelpunkt Deutschlands: Stuttgart. Als ein Anfang dreißigjähriger Nigerianer dort ohne Fahrschein – also beim Schwarzfahren – erwischt wird und mangels Ausweis der Polizei übergeben werden soll, tobt der Mob. Ein paar Wochen später eskaliert eine Drogenkontrolle und Jugendliche aller Couleur demonstrieren, wie Deutsche und Migranten gemeinsam die Innenstadt verwüsten, brüderlich plündern und vereint der Staatsmacht trotzen können. Das halten allerdings die Grünen und Winfried Kretschmann dann doch nicht für die gewünschte Integration und Auseinandersetzung mit der deutschen Kultur. Vor allem, wenn niemand der Beteiligten Mercedes fährt.

Im Mittelpunkt ausnahmsweise aber nicht die Automobilbranche, sondern: Die Polizei.
Nachdem in einer Kolumne der Tageszeitung „taz“ vorgeschlagen wurde, die staatliche Exekutive solle besser auf den nationalen Müllhalden wohnen, ist die Meinung gespalten. Innenminister Horst Seehofer will Anzeige erstatten – wird dafür kritisiert – will dann doch das Gespräch mit der Redaktion suchen – wird wieder kritisiert – SPD-Vorsitzende Saskia Esken findet rassistische Strukturen innerhalb der Polizei, verliert diese aber schnell wieder, rudert zurück, dreht sich dreimal im Kreis und muss sich hinsetzen, weil ihr beinahe schwindelig wird.

Die Presse reagiert schnell. „Party- und Eventszene“ seien verantwortlich für das aggressive Wüten auf Stuttgarts Straßen. Auch hier ist die Meinung gespalten. Party- und Eventorganisatoren fühlen sich missverstanden, organisieren zwar Ballermannreisen gegen die Stuttgart wie ein feuchtfröhlicher Samstagnachmittag aussieht, peinliche Junggesellenabschiede oder auch mal eine Bumsfahrt nach Manila, aber sicherlich keine Vandalismus-Städtetouren mit All-Inclusive-Plünderungen. Die Marktforschung um Jochen Schweizer soll allerdings bereits in der Planungsphase sein, weil Facebook-User prognostizieren, dass Stuttgart erst der Anfang sei. Die Nachfrage ist also da und damit Hoffnung für die finanziell gebeutelte Reisebranche?

Vegan-Koch Attila Hildmann spricht währenddessen zum patriotischen Volk. Allerdings ungefähr mit der gleichen Kausal-Logik wie Großvater ohne Tabletten im Demenzwahn über den Krieg. Die Presse berichtet trotzdem. Nur leider nicht über Opa, sondern über den Krawall-Koch.

Doch die Stunde des Aktivismus soll noch kommen. Wenn an Menschenverstand und Vernunft nicht appelliert werden kann, hilft die Zensur. Zumindest die Zensur von Symptomen. Folgen der Krankenhaus-Comedy-Serie „Scrubs“ werden vorläufig gestrichen, vorübergehend das britische Komiker-Duo von „Little Britain“ und „Come Fly With Me“ aus den Mediatheken genommen, sogar die Serie „Fawlty Towers“ aus dem Jahr 1975 von und mit MontyPhyton-Star John Cleese muss auf eine Folge verzichten. In Zukunft soll darauf hingewiesen werden, was ein Witz, was ernst und was rassistisch ist. Jedem Haushalt soll dann auf Anfrage ein Kommentator zugewiesen werden, der hilft Gesagtes, Gesehenes und Gehörtes einzuordnen oder eben auch zu korrigieren.

Es soll nicht wirklich diskutiert werden wie wir im hier und heute ein Miteinander gestalten können, sondern wie wir die unrühmliche Vergangenheit aus der Gegenwart entfernen können. Der Gesamthistorische Kontext ist da noch nicht mal sekundär. Es gibt nur noch Rassisten, Antisemiten und die politisch Korrekten.

Klar, dass da auch die Wirtschaft nicht ungeschoren davonkommt. Uncle Ben ist nicht länger Reismaskottchen, die oberfränkische Stadt Coburg sieht sich mit dem Coburger ”Mohren” im Stadtwappen konfrontiert und der Silberpfeil von Mercedes trägt nun schwarz. Ob nach Black-Facing nun das Black-Caring zum Problem wird, das soll noch entschieden werden. Vermutlich von Weißen.

Dass Menschenverachtung allerdings auch Folge bedingungsloser Mammonhörigkeit sein kann,  zeigt derweil Clemens Tönnies‘ Fleischverarbeitungsbetrieb eindrucksvoll. In Nordrheinwestfalen wird billiges Fleisch gerade teuer erkauft. In den Unterkünften hat ein Mitarbeiter etwa 10qm für sich, was der Vorgabe für freilaufende Hühner entspricht. Hühner zahlen allerdings keine Miete.

Bevor wir aber auch hier die Systemfrage bzw. eben das Schweine-System im Wortsinne infrage stellen, könnten wir stattdessen ein paar weiße Kühe umschubsen. Als Zeichen von sozialer Symbolpolitik. Der Sommer setzt ungerührt sein eigenes Zeichen. Sonnig bis heiter prägt er den Corona-Alltag, bescheint gleichberechtigt Frauen und Männer aller Nationalitäten wie auch die verhassten Skulpturen und Statuen.

Die Sonne ist vorurteilsfrei, wir sind es nicht. Daran ändert auch der Empörungsreflex bei Twitter nichts. Kein Shitstorm kann den Diskurs ersetzen. Aber das haben wir nicht erst 2020 verlernt: Hin und wieder eigene Befindlichkeiten zum Wohl der Allgemeinheit zurückzustellen. Im Homeschooling mal Raumschiff Enterprise auf den Lehrplan setzen könnte hierbei vielleicht Abhilfe schaffen. „Das Wohl von Vielen, es wiegt schwerer als das Wohl von Wenigen oder eines Einzelnen.“ Von Horst Seehofer über Attila Hildmann bis zur taz und zu uns allen, ja, wenn wir das ab Juli etwas mehr beherzigen, dann können wir gemeinsam wirklich Geschichte schreiben. Nachhaltig.

Avatar

Article by Fabian Schütz

Geboren in der Nähe von Augsburg, aufgewachsen ohne Verstand aber mit sehr lieben Eltern, hat traurige Berühmtheit als Klassenclown erlangt. Danach Buchhändler, dann Student des Journalismus und hat die Liebe zur Kunst entdeckt. Die Kunst des Blödsinns. Seitdem hat er beschlossen die Menschen um sich zum Lachen zu bringen. Er mag keinen Rosenkohl, Hitler und Katzen. Er glaubt das sei die Dreifaltigkeit aus der Hölle.