Kreatives Schreiben für die Mittelschicht

mittelschicht

Kreatives Schreiben in der oberen unteren Hälfte der Mittelschicht

 

Du musst kreativer schreiben“, sagt Kurt mit einem Blick über meine Schulter zu mir.

Du meinst, ich soll Volkshochschulkurse und Workshops belegen, in denen mir jemand sagt, ich solle mehr anschauliche Adjektive verwenden?“, frage ich mit leicht hochgezogener Augenbraue, so dass meine Stirn sich in dezente Runzeln legt, die mich verhärmt, alt und boshaft aussehen lassen. Der Schattenwurf unter meinen Augen ist gräulich, fast gespenstisch.

Ganz genau. Und damit deine Figuren nicht so eindimensional wirken. Wenn das jemand liest, denkt er nur, ich sei verrückt, deine Freundin eine Trinkerin und du seist der Intellektuelle; aber nicht, weil du dich durch kluge Gedankengänge hervortust, sondern von der Schlichtheit der anderen Protagonisten profitierst.“

Also siehst du mich als den Einäugigen unter den Blinden?“

So in etwa könnte ich es beschreiben. Wenn ich unkreativ wäre. Bin ich aber nicht. Daher sage ich, eher so wie Friedrich Merz sich zu einer Mittelschicht rechnet, weil die Schere zwischen arm und reich so enorm auseinanderklafft, dass es so wirkt, als sei er kurz davor in das Prekariat abzurutschen.“

Er verdient etwa eine Million im Jahr“, erwidere ich. „Das ist aus Sicht von Unsereins bei einem netto Durchschnittseinkommen von rund 1.900 Euro im Monat von der Mittelschicht so weit entfernt wie die SPD von einem Neuanfang.“ 

Wir haben jeder 1.900 Euro netto?“, fragt Kurt aufgeregt.

Nein“, sage ich. „Wir sind die Unterschicht. Das oberste Prozent der Bevölkerung teilt sich ein Drittel des Gesamtvermögens. Wir als ärmste Hälfte des Landes müssen mit etwas mehr als zwei Prozent des Gesamtvermögens über die Runden kommen. Das ist kein Bissen vom Kuchen, das sind Krümel.“

 

Diebstahl als Kunst

Da mischt sich die Existenzangst ein. Durch das Sammeln von Pfandflaschen ist sie mathematisch sehr gut trainiert:

„Der Durchschnittsdeutsche verfügt über rund 215.000 Euro. In Pfandflaschen umgerechnet sind das 860.000 PET-Flaschen und in Bierflaschen sogar 2.687.500. Ich habe heute schon 17 gefunden.“

Ab wie viel Pfandflaschen zählt man zur Mittelschicht?“, fragt Kurt.

Sobald man nicht mehr auf das Mülleimer-Gold angewiesen ist“, entgegne ich.

Sobald der hart arbeitende Bürger..“

…und die hart arbeitende Bürgerin…“, ergänzt die Existenzangst.

…nicht mehr auf das klebrige-knisternde von bunten Etiketten gesäumte metaphorische Gold aus den Untiefen stinkender Restebehälter unserer überforderten Wegwerfgesellschaft angew…“, deklamiert Kurt.

…ja, ich habe verstanden. Anschauliche Adjektive“, unterbreche ich meinen Mitbewohner. „Was ich hier mache ist aber nicht kreatives Schreiben, sondern dynamisches Protokollieren unserer gesellschaftlichen Zustände.“

Mit Kreativität hat es wenig zu tun, wenn du die ganzen Ideen bei Marc-Uwe Kling klaust. Ich bin doch auch nur dein Känguru!“, ruft Kurt erbost. “Der gehört längst zur Mittelschicht mit seinen erfolgreichen Büchern, die er auch selbst geschrieben und die Charaktere SELBST erfunden hat!”

Gar nicht wahr“, sage ich. „Ich lasse mich inspirieren und entwickle daraus eine eigenständige…“

…papperlapapp“, fährt Kurt dazwischen. „Du bist nicht Seth MacFarlane, der aus der Idee der „Simpsons“ ein neues Kunstwerk in Form von „Family Guy“ und „American Dad“ geschaffen hat. Du bist eher so wie ein Kind, das mit Wachsmalkreide einen Michelangelo abpaust und dabei ständig über den Rand malt.“

 

Statistik für den Müll

Kurt das Känguru verlässt das Zimmer“, tippe ich in den Laptop, „damit der unheimlich begabte Kleinkünstler Fabian seinen kreativen Schreibprozess ungehindert…“

Kleinkünstler? Begabt? Im Ernst?“, entsetzt sich Kurt, „unheimlich, ja, da ist noch was wahres dran, aber kreatives Schreiben bedeutet nicht professionelles Lügen!“

Ich übe nur schon für die Steuerbehörde, wenn die mir von den 215.000 Euro die Abzüge anrechnen wollen. Demnach bin ich…lass mal überlegen…drei im Sinn…“

Pleite?“, fragt die Existenzangst und türmt leere Getränkedosen aufeinander.

Ja, so kann man es zusammenfassen“, resigniere ich.

Hm, wenn du pleite bist, habe ich demnach 430.000 Euro“, rechnet Kurt.

Ich bin auch fast blank“, stellt die Existenzangst fest.

Es wird immer besser“, freut sich Kurt, „dann verfüge ich über 645.000 Euro.“

Eine Woche später sitzen wir gemeinsam im Statistik-Grundkurs der Volkshochschule.

Als der Lehrer etwas über anschauliche Zahlen doziert, schlafe ich fast ein. Nur mein Banknachbar Friedrich ist hellwach. Er findet, dass sechs Nullen, da sie null und damit nichtig sind, hinter einer eins weniger bedeuten als zwei Nullen hinter einer 19.

Kurz bevor ich wegdöse denke ich nur noch: “Die Iden des Merz werden kommen!”

Geschichte hat Friedrich erst im nächsten Semester.

Article by Fabian Schütz

Geboren in der Nähe von Augsburg, aufgewachsen ohne Verstand aber mit sehr lieben Eltern, hat traurige Berühmtheit als Klassenclown erlangt. Danach Buchhändler, dann Student des Journalismus und hat die Liebe zur Kunst entdeckt. Die Kunst des Blödsinns. Seitdem hat er beschlossen die Menschen um sich zum Lachen zu bringen. Er mag keinen Rosenkohl, Hitler und Katzen. Er glaubt das sei die Dreifaltigkeit aus der Hölle.

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