Kultur, die verbindet | Jazzfestival Südtirol

Jazzfestival Aufmacher band

Festivals waren für junge Menschen schon immer Pilgerorte, man denke nur an das erste Woodstock 1969. Je nach Festival gehören zu den klassischen Zeltstädten auch warmes Bier und kalte Dosenravioli, mehr ist für die meisten Festivalbesucher nicht nötig, um eine gute Zeit zu haben. Es gibt allerdings auch andere Festivals, wie das Südtirol Jazzfestival, das wir in Bozen besucht haben.

Südtirol spielt mit seiner Sonderstellung – irgendwas zwischen Italien und Österreich – schon seit fast immer eine besondere Rolle in der Geschichte. Dieser Umstand ist den Musikern verschiedenster Länder allerdings genauso egal, wie den Besuchern verschiedenster Länder. Beim Südtiroler Jazzfestival geht es um Europa.

Wer bei dem Wort Festival jetzt an Zeltstädte denkt, wird in Bozen womöglich enttäuscht. Denn die Gäste sind alle in Hotels untergebracht. Dosenravioli und warmes Bier werden durch italienische Speisen und kühlem Wein getauscht. Ein Flair von Urlaubsstimmung liegt in der sommerlichen italienischen Luft, der bei normalen Festivals wohl eher selten aufkommt. Auf eine große Hauptbühne müssen die Jazzfans in Südtirol Anfang Juli verzichten. Dafür werden die 51 Konzerte an außergewöhnlichen Orten gespielt. Mal laden die Musiker in ein modernes Museum, dann auf eine Burg und dann auf die Terrasse eines Alpenhotels. 

Das selbsterklärte Ziel des Festivals ist es, eine bestimmte europäische Region musikalisch zu beleuchten. Dieses mal ist die iberische Halbinsel an der Reihe und folgt damit auf Italien, Frankreich, die Schweiz und viele andere europäische Länder. Denn so möchte man von Südtirol aus einen Teil zur Europäischen Integration beitragen, und das auf der vielleicht schönsten Ebene: der Musik.

“Das Konzept ist, dass viele Musiker mehrmals Auftreten und dadurch auch länger hier bleiben.”

 - Klaus Widmann (künstlerischer Leiter)   

Möchte man Menschen aus verschiedenen Ländern zusammenbringen, braucht man etwas das über das hinausgeht, was sie in ihrem Alltag haben. Für Fußballfans ist das regelmäßig die Welt- und Europameisterschaft. “Beim Fußball geht es aber auch um das Gegeneinander”, sagt der spanische Pianist Marco Mezquida. Sein Ziel ist es Menschen durch seine Musik zueinander zu bringen. Insgesamt fünf Konzerte spielt der Musiker auf dem Festival. 

Seine Zuschauer sitzen mal in einem Konzertsaal, einen Tag später in einem Museum und dann inmitten der Mauern einer alten Burganlage. Wie das bei Jazz-Konzerten so ist, sitzen die Besucher – mal auf Stühlen, mal auf Kissen auf dem Boden. In den hinteren Reihen tauscht man sich auch mal aus, überall wird zwischendurch geklatscht. Das Publikum sieht den selben Musiker mehrmals, in unterschiedlichen Konstellationen und vor einem anderen Hintergrund.

“Das Konzept ist, dass viele Musiker mehrmals auftreten und dadurch auch länger hier bleiben”, erklärt der künstlerische Leiter Klaus Widmann. Dadurch knüpfen die Musiker Kontakte, es entstehen neue Projekte. Ein ziemlich großes Projekt ist dabei das Eröffnungskonzert. Alle Musiker treffen sich einen Tag bevor das Festival losgeht und proben gemeinsam und stellen dann innerhalb von wenigen Stunden ein abendfüllendes Programm auf die Beine.

Jazz mit vielen Gesichtern

Die Konzerte, die mal drinnen, mal draußen, aber immer in den unterschiedlichsten Kulissen gespielt werden, eint zwar die Musikgattung “Jazz”, aber der hat sich gewandelt und hat heute ganz viele Gesichter, wie Widmann, immer wieder vor den Konzerten, für die er einleitende Worte findet, betont. Das zeigen auch die vielen unterschiedlichen Konzerte, die die Gäste im Rahmen des Festivals besuchen können. Mal wird es etwas ruhiger, etwa bei einem Piano Solo, dann aber wieder wild, wenn die Post-Rock-Band Catacombe auf der Bühne steht. 

Das Festival ist wie ein zehntägiger Staffellauf. Musiker kommen und gehen, genauso wie die Besucher. Wenige bleiben den gesamten Zeitraum über in Bozen. Wir sprechen mit vielen Besuchern, die sich für ein paar Tage auf die Reise in die Südtiroler Hauptstadt begeben haben. Manche von weiter weg, andere kommen aber auch aus der Region.

Dem Künstlerischen Leiter Klaus Widmann ist nicht nur das breitgefächerte Jazz-Genre wichtig, er möchte das Festival für alle erlebbar machen. Deswegen sind viele Konzerte kostenfrei. Möglich machen das neben den Sponsoren, Fördergelder, die der Veranstalter für das Konzept viele Musiker aus einem Land spielen zu lassen, bekommt. 

Menschen, die Jazz hören, haben meist einen Hochschulabschluss und gehören zur Mittel- oder Oberschicht. Das haben britische Forscher vor 12 Jahren herausgefunden. Ja, das spiegelt sich auch im Festival-Publikum wieder. Umso überraschter war ich, als beim Eröffnungskonzert ein junger Mann mit Vollbart, kurzer Hose und Flip-Flops zwischen mir und einem älteren Herren im Sakko Platz genommen hat. Damit hat er das optische Bild der Zuschauer nicht nur verjüngt, sondern auch den Dresscode, über den ich mir vor dem Konzert noch Gedanken gemacht hatte, gebrochen. Meine Erwartungen, dass dieser junge Gast zumindest schiefe Blicke erntet wurden übrigens nicht erfüllt. Und auch an den nächsten Tagen haben sich immer wieder junge Menschen und Familien zwischen das Klischeebild eines Jazz-Fans gemischt.

Jazz, das ist eine Musikart die gefühlt die Altersgruppe erreicht, die auf einem Festival wie Rock im Park oder Southside sichtbar die ältesten wären. Würde man das Publikum mit dem von einem “normalen” Festival austauschen, würde das wie ein Photoshop-Werk wirken. Scheinbar passt das Bild der älteren Zielgruppe zu dem Genre des Festivals. Und trotzdem mischen sich gerade bei den rockigen Konzerten auch junge Menschen ins Publikum.

Das Festival ist wie ein zehntägiger Staffellauf. Musiker kommen und gehen, genauso wie die Besucher. Wenige bleiben den gesamten Zeitraum über in Bozen. Wir sprechen mit vielen Besuchern, die sich für ein paar Tage auf die Reise in die Südtiroler Hauptstadt begeben haben. Manche aus Deutschland, Österreich, Großbritannien oder Finnland, andere kommen aber auch aus der Region. So richtig touristisch ist das Festival nicht, der Eindruck, dass die Kulisse nur für das Festival geschaffen wird, entsteht nie. Vielleicht lernt man Südtirol so noch bessern kennen, wenn man sich gemeinsam mit Einheimischen in eine Gondel stellt, um zu einem Konzert in die Alpen zu fahren.

Den weitesten Weg dürfte wohl ein Ehepaar aus New York gehabt haben. Eigentlich zum Wandern nach Südtirol gekommen, erfahren sie mehr oder weniger zufällig im Aufzug eines Hotels von dem Festival. Als sie später in einer Reihe mit Gästen aus Italien und Deutschland sitzen, strahlen die beiden. “Jazz ist ja so ein New Yorker Ding, schön dass es sowas hier auch gibt”, sagen sie zum Abschied.

Bilder: Anna Martin

Hinweis: Unsere Redaktion wurde zu diesem Festival vom Veranstalter eingeladen. Uns wurden die Reise und Übernachtungskosten erstattet. Da wir mit dem Relevant Magazin kein Geld verdienen, haben wir uns entschieden das Angebot anzunehmen. Auf den Inhalt unserer Berichterstattung hat der Veranstalter, aber keinen Einfluss genommen.

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Article by Lukas Rumpler

Ich studiere Ressortjournalismus mit dem Schwerpunkt auf Politik und Wirtschaft.