Kurz kommentiert: Der Fall Deniz Yücel

Endlich. Nach 367 Tagen ist Deniz Yücel frei. Der WELT-Korrespondent, der ohne Anklage in türkischer Untersuchungshaft saß, wurde heute aus der Haft entlassen. Zwar fordert die Staatsanwaltschaft nun 18 Jahre Haft für den Journalisten. Doch er darf das Land trotzdem ungehindert verlassen. Der geschäftsführende Bundesaußenminister Sigmar Gabriel hat bei seinen letzten Treffen mit seinem türkischen Amtskollegen wohl dazu beigetragen. Was sich langsam angebahnt hat, wurde jetzt überraschend schnell umgesetzt.

Foto kurz nach der Entlassung: Deniz Yücel wird von seiner Frau Dilek Mayatürk-Yücel begrüßt. Hochgeladen von seinem Anwalt Veysel Ok.

Deniz Yücels Freilassung ist eine freudige Nachricht. Ein Sieg für die Freie Presse. Doch so positiv die Nachricht auch ist, so bitter ist ihr Beigeschmack. Im Schatten von Yücels Freilassung wurden heute in Istanbul sechs Journalisten zu lebenslanger Haft verurteilt. Ahmet Altan, der frühere Chefredakteur der inzwischen geschlossenen Zeitung “Taraf”, sein Bruder Mehmet Altan, die Journalistin Nazlı Ilıcak und drei weitere “Taraf”-Mitarbeiter.

Der Abgang könnte aber noch schwerer bekommen. Unbekannt sind nämlich die Umstände von Yücels Freilassung. Um welchen Preis hat ihn die Bundesregierung freigekauft? Zwar dementiert das Auswärtige Amt offiziell, dass es “Deals” bei Rüstungsexporten gegeben hätte. Doch ist diese Aussage mit Blick auf die Dringlichkeit, mit der Präsident Recep Tayyip Erdoğan seine deutschen Leopard-Panzer aufrüsten will, eher zweifelhaft.

Article by Baha Kirlidokme

Studiert Politik- und Wirtschaftsjournalismus an der Hochschule Ansbach. Sitzt aktuell in der taz.de-Redaktion. Schreibt für bento von Spiegel Online. Freier Mitarbeiter bei der Main-Post und dem Schweinfurter Tagblatt. Autor beim Radiosender ANgedacht. War Redakteur beim Ansbacher Stadtmagazin Kaspar und Autor für das Musikmagazin Stormbringer.