Merz for Kanzler! Oder: Stop making stupid people famous (Der Rote Faden)

stupid merz

Ein weißer, mittelalter und vor allem reicher Mann sagt, er zähle sich zur Mittelschicht und Mittelschicht-Journos der Qualitätsmedien diskutieren tagelang darüber und schreiben seitenlange Erklärer, warum Friedrich Merz kein Mittelschichtler ist. Denn nur Akademiker können dem Normalbürger erklären, warum man als Millionär nur knapp zur Oberschicht gehört. Wirklich sehr knapp.

Wie ist das denn mit der Mittelschicht?

Die meisten Medien erklären anhand von Tabellen, ab was für einem Einkommen man zu welcher Schicht gehört. Kann man machen, sind schließlich offizielle Zahlen. Ist nur leider trotzdem, großzügig formuliert, so sehr verschoben und realitätsfern, dass es sich um reinen Bullshit handelt.

In Deutschland wird die Mittelschicht in drei Gruppen unterteilt: Einkommensschwache Mitte, Mitte und einkommensstarke Mitte. Ab knapp 3.000 Euro netto zählt eine vierköpfige Familie schon zur normalen Mitte. Die einkommensstarke fängt bei 5.540 Euro an. Ein Paar mit zwei Kindern gehört also schon ab knapp 2.200 Euro zur Mittelschicht, weil wer so einen Batzen Kohle und trotzdem zwei Kinder hat, dem kann es natürlich nur gut gehen. (Spiegel Online)

Bei einem Single sind es 1.050 Euro im Monat, um zur Mittelschicht zu gehören. Wer also studiert, den vollen BAföG-Satz bekommt, vielleicht noch Kindergeld und zum Überleben trotzdem noch arbeiten muss, ist also auch reich genug, für die Mittelschicht.

Unsere Definition der Klassen muss sich von grundauf ändern.

Kann ein Studierender von 1.050 Euro im Monat leben? In einer bayerischen Kleinstadt, ohne Hobbys oder soziale Kontakte oder den Wunsch nach Kultur durchaus. Kann man sich ein gutes Leben leisten? Eher nicht. Wenn man in Hamburg oder München lebt, geht das meiste sowieso für die Miete drauf…

Hat eine vierköpfige Familie mit 2.200 Euro ein gutes Leben? Definitiv nicht.

Eine vierköpfige Familie, die weniger als 3.000 Euro im Monat zum leben hat, gehört nicht zur einkommensschwachen Mitte – ein Begriff, der sowieso ein völlig falsches Signal sendet – sondern genauso zum Prekariat, wie die Familie mit weniger als 2.000 Euro. Denn nicht nur die Reinigungskraft, die jederzeit ihren Job verlieren kann, lebt in einer misslichen oder unsicheren Lage, also prekären Verhältnissen. In der Hochphase des Turbokapitalismus ist fast jede Lohnarbeit prekär. Natürlich fühlt man den Unterschied von 1.000 Euro im Alltag gewaltig, doch die Familie mit 3.000 Euro im Monat muss sich auch oft fragen, wie sie ihre Rechnungen begleichen soll.

Das zeigt, dass wir unsere Klassen neu definieren müssen.

Am besten fangen wir mit nichts geringerem an, als an der Auflösung der Klassengesellschaft zu arbeiten. Jeder sollte Mittelschicht sein und das ist gar nicht mal so utopisch. Durch eine grundlegende Reform unseres Finanz- und Sozialsystems. Das würde eine vernünftige und solidarische Steuerpolitik, enthalten.

Wer mehr verdient soll endlich auch mehr Steuern bezahlen und die Kleinbürger entlasten. Genauso sollten Unternehmen, die hier angesiedelt und tätig sind, endlich überhaupt mal Steuern zahlen. Dadurch könnte man auch echte soziale Maßnahmen, wie das Bedingungslose Grundeinkommen finanzieren. Denn wir müssen uns wieder an das Verständnis gewöhnen, dass der Staat in der Pflicht steht, darauf zu achten, dass es seinen Bürgern gut geht.

Mehr zum Bedingungslosen Grundeinkommen:

Stattdessen erklären wir Millionäre zu Kanzlern.

Friedrich Merz ist der richtige Kandidat für die CDU, aber nicht der richtige Kanzler für Deutschland. Ein Mann, der sein Geld vor allem als Lobbyist für Banken macht und den Begriff der Leitkultur erfunden hat, gehört definitiv an die Spitze der Konservativen. Gewinnt er im Dezember den Parteivorsitz der CDU wird er wahrscheinlich auch Kanzlerkandidat. Mit ihm könnte sich die Partei wieder von ihrem liberalen Kurs wegbewegen und die politische Linke könnte sich endlich leichter von der Union abgrenzen. Das war’s aber auch. Wir sollten gleichzeitig alles dafür tun, dass dieser Mann nicht Bundeskanzler wird.

Stattdessen reden wir über jeden Hirnfurz und machen ihn, ohne auch nur irgend etwas geleistet haben, frühzeitig zum Kanzler, indem wir sein Gesicht als Nahaufnahme auf Magazincover drucken. Wie jeder weiß, kann Berichterstattung Wahlen entscheiden…

 

Article by Baha Kirlidokme

Studiert Politik- und Wirtschaftsjournalismus an der Hochschule Ansbach. Sitzt aktuell in der taz.de-Redaktion. Schreibt für bento von Spiegel Online. Freier Mitarbeiter bei der Main-Post und dem Schweinfurter Tagblatt. Autor beim Radiosender ANgedacht. War Redakteur beim Ansbacher Stadtmagazin Kaspar und Autor für das Musikmagazin Stormbringer.