Interview: Niklas Wagener (Die Grünen)

Es gibt Bundestagskandidaten, die so jung sind, dass sie selbst noch an kaum einer Wahl teilnehmen durften. Wir stellen euch die jungen Kandidaten der verschiedenen Parteien in einem ausführlichen Interview vor. Alle eint der Wunsch, dass sich die Politik mehr um die Belange der jungen Menschen kümmern muss.

Niklas Wagener ist 19 Jahre jung und kandidiert für die Grünen als Bundestagskandidat für den Wahlkreis Aschaffenburg.


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Herr Wagener, mit 19 sind Sie ziemlich jung für einen Bundestagskandidaten. Warum kandidieren Sie?

Niklas Wagener
Gerade in einem Parlament, das so alt wie seit 1998 nicht mehr ist, braucht es mehr junge Leute. Mir ist es wichtig, das Bild von alten Menschen, die gemeinsam Politik machen, mit der sich die Jugend nicht verbunden fühlt, aufzubrechen.

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Was bieten die Grünen den jungen Wählern an?

Niklas Wagener
Ganz einfach könnte ich jetzt antworten: Wir Grüne waren schon immer dafür Cannabis zu legalisieren.
Aber wir Grüne machen da deutlich mehr. Etwa das Jugendparlament in Aschaffenburg, für das ich mich in den letzten Jahren eingesetzt habe. Ab kommendem Februar haben Jugendliche die Chance, ihrer politischen Stimme Gehör zu verschaffen. Solche Erfolge zeigen, dass es uns Grünen sehr wichtig ist, die Jugend in den politischen Prozess aktiv mit einzubeziehen.

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Was für diese Gruppe besonders interessant sein dürfte, ist die Schulbildung. Ein umkämpftes Thema im Bundestagswahlkampf, aber eigentlich ja Ländersache.

Niklas Wagener
Und genau hier wollen wir ansetzen. Eine unsere Forderungen in der Bildungspolitik ist, die Aufhebung des Kooperationsverbotes. Schulen sollen mit Mitteln vom Bund gefördert werden können. Nur so lässt sich der Digitalisierungsprozess in Schulen angemessen vorantreiben. Es soll zudem nicht mehr dieses unfaire System geben, das in manchen Bundesländern den Weg zum Abitur einfacher macht.

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Das Abitur haben Sie nun schon hinter sich und befinden sich mitten in einem Studium. Oft hört man davon, dass in Deutschland immer mehr junge Menschen ein Studium, statt einer Ausbildung beginnen. Ein guter Trend?

Niklas Wagener
Zunächst muss man festhalten, dass es ja etwas Positives ist, wenn so viele junge Menschen die Möglichkeit haben, zu studieren. Allerdings kann es nicht sein, dass ein Auszubildender, der ja Vollzeit arbeitet, finanziell schlechter dasteht, als ein Student, der Bafög bezieht. Das Leben in einer Stadt muss für beide Gruppen finanzierbar sein.

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Wo müsste man da ansetzten?

Niklas Wagener
Aus meiner Schulzeit weiß ich, dass in den Gymnasien klar auf ein Studium vorbereitet wird. Bis auf ein paar Stunden, in denen wir die Handwerkskammer besucht haben, war das kein Thema für uns. Zum anderen müssen auch Auszubildende die gleichen Privilegien, wie etwa ein Ticket für den ÖPNV, genießen und eine angemessene Bezahlung erhalten. Ohne gute Ausbildungsberufe werden wir langfristig ein Problem bekommen.

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Viele junge Menschen sind auf die Straße gegangen, um gegen Freihandelsabkommen wie TTIP oder CETA zu demonstrieren. Was hättest du als Politiker anders gemacht?

Niklas Wagener
Der Schlüssel ist hier klar die Transparenz. Solche Verhandlungen müssen viel öffentlicher geführt werden. Wenn am Tisch nur Regierung und Lobbyisten sitzen, entsteht schnell Misstrauen.
Wir haben europaweit drei Millionen Unterschriften gesammelt, interessiert hat das keinen. Das gibt den Menschen dann natürlich das Gefühl, von der EU nicht ernst genommen zu werden.

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Aber ist das nicht ein grundlegendes Problem? Selbst wenn Deutschland beispielhaft vorangeht, müssen die anderen Länder ja erstmal mitmachen.

Niklas Wagener
Das stimmt natürlich. Aber man muss natürlich schon sehen, dass in der EU viel von dem Tandem Deutschland-Frankreich abhängt. Wenn wir jetzt sagen, wir wollen statt Freihandelsabkommen wie TTIP oder CETA, den fairen Handel mit Fairhandelsabkommen fördern, dann hätten wir viele Menschen in ganz Europa auf unserer Seite. Nur so können Fluchtursachen bekämpft und der Flucht aus “wirtschaftlichen Gründen” entgegengewirkt werden.

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Was genau ist denn unfair am Handel?

Niklas Wagener
Das BIP schießt in die Höhe, gleichzeitig haben wir aber so viele prekäre Beschäftigungen wie noch nie. Heute hungern 800 Millionen Menschen weltweit, alle drei Sekunden stirbt ein Kind am Hungertod, obwohl wir Nahrung für zwölf Milliarden Menschen haben.
Wir haben Wohlstand, aber ein Verteilungsproblem.

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Und wie lässt sich das lösen?

Niklas Wagener
Eben mehr tun als nur mal den Kaffee oder die Bananen im Weltladen fair zu kaufen. Der Staat kauft jährlich Waren im Wert von 300 Milliarden Euro. Wenn das alles unter dem Fair-Trade-Siegel laufen würde, etwa auch die neue Feuerwehruniform, dann wäre der faire Handel auch für die Wirtschaft lukrativ.

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Bei all den grünen Ideen und Vorschlägen. Wie sähe denn deine Wunschregierung nach der Wahl aus?

Niklas Wagener
Wir haben in den letzten vier Jahren verpasst, die Rot-Rot-Grüne Mehrheit im Bundestag für Gesetzesänderungen, bis auf die „Ehe für alle“, zu nutzen. Da es eine solche Mehrheit jetzt wahrscheinlich nicht mehr geben wird und damit Rot-Grün als meine Wunsch-Koalition vom Tisch ist, muss man sich überlegen, wie man eine Jamaika-Koalition gestalten könnte.

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Wie groß sehen Sie die Chance, viele grüne Punkte in einen solchen Koalitionsvertrag zu bringen?

Niklas Wagener
Viele Dinge aus den letzten Jahren kamen ja von Koalitionspartnern. Etwa der Mindestlohn oder die PKW-Maut. Eigene Projekte hat Merkel hingegen kaum verfolgt. Ich glaube, da könnten wir viel schaffen, wenn wir ihr, als ehemaliger Umweltministerin, vermitteln wie wichtig strenge Umweltschutzziele sind.

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Der US-amerikanische Ausstieg aus dem Pariser Klimaabkommen hat auch in Deutschland für Empörung gesorgt. Dabei halten wir die Zielvorgaben auch nicht wirklich ein. Ist das Wind in euren Segeln?

Niklas Wagener
Das Problem ist, dass Viele die Existenz der Grünen in Frage stellen, weil sie sagen, das machen die Anderen inzwischen alle auch. Man muss aber klar sagen, dass die anderen Parteien es nicht einmal geschafft haben, eine Stromtrasse von Nord nach Süd zu bauen, oder in den letzten Jahren in Bayern kaum ein Windrad gebaut wurde. Auch heute noch, setzt der Freistaat zu 45 Prozent auf Atomstrom.
Viele geben sich offensichtlich mit Versprechen, die dann nicht gehalten werden, zufrieden.

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Was sagen Sie zum Thema „Mit dem Diesel in die Innenstadt fahren“?

Niklas Wagener
Ich denke, man darf den Diesel nicht über einen Kamm scheren. Die neuen Adblue-Diesel sind sehr sauber. Dort wo Gesundheit gefährdet wird, muss man entgegenwirken, etwa mit einer Abwrackprämie.
Ich bin gegen Fahrverbote im Allgemeinen, aber wir müssen dafür sorgen, dass die dreckigen Diesel von der Straße kommen.

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Vor einigen Jahren hat Ihre Partei Aufsehen erregt, als sie einen Veggie-Day forderte. Auch heute ist Massentierhaltung noch ein Problem. Wie kann man das lösen?

Niklas Wagener
Die EU schüttet jährlich 50 Milliarden an Agrarfördermitteln aus. Bislang gilt, dass ein größerer Betrieb mehr Fördermittel bekommt. Wir wollen das umdrehen. Wenn wir dieses Geld nur noch in Betriebe geben, die biologisch und nachhaltig produzieren, lohnt es wirtschaftlich mehr, ökologisch zu arbeiten. Der Preis für Bioprodukte würde so auch nicht unangemessen hoch werden.

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Solltest du am 24. September in den Bundestag gewählt werden, in welchem Ausschuss würdest du gerne sitzen?

Niklas Wagener
Im Ausschuss für Entwicklungspolitik, um dem Thema des fairen Handels gerecht zu werden. Oder eben im Ausschuss für Landwirtschaft, um mich um die Agrarwende kümmern zu können.

Lukas Rumpler

Article by Lukas Rumpler

2010 mit dem Bloggen angefangen - irgendwann zum Journalisten geworden. Ressort-Journalismus Studium an der Hochschule Ansbach mit dem Schwerpunkt auf Politik und Wirtschaft.