Perspektivenwechsel durch Corona

anarchia

Und plötzlich liegt die Welt nahezu still. Restaurants haben geschlossen, Konzerte wurden abgesagt, der Fußball rollt nicht mehr und gearbeitet wird weitestgehend via HomeOffice. Ausgerechnet drängt mit Corona ein neuer Virus den Menschen dazu, mal inne zu halten und seine Lebensweise zu hinterfragen. 

Nein, es liegt nicht an der „Fridays for Future“-Bewegung, weshalb die Anzahl der Flüge weltweit so drastisch gesunken ist oder die Autobahnen so ruhig sind, wie Waldwege. Es war auch nicht die große sozialpolitische Vision der Bundesregierung, mit einem Hilfspaket kleinen Unternehmen vor dem Konkurs zu retten – falls dieses überhaupt wirkt. Weder eine Revolution, noch ein Philosoph, geschweige denn ein Mensch, hätte wohl einen solch radikalen Einschnitt für das gesellschaftliche Leben bewirken können.

Mit dem Virus rücken nun einige Fragen in den Vordergrund, die bereits vor Corona mehr Aufmerksamkeit verdient hätten: Ist die Globalisierung wirklich nur eine positive Sache? Inwiefern sollte man der Unterbesetzung von Pflegeberufen entgegenwirken? Muss Deutschland in der Digitalisierung voranschreiten? – natürlich lässt sich diese Liste erweitern. Doch es soll hier nicht primär um diese formulierten Fragen gehen. Wir halten es allgemeiner: Was zeigt uns die Corona-Krise?

Mindestens dass der Mensch eben nicht das Zentrum dieser Welt darstellt und in der Not doch bereit ist, seine Gewohnheiten umzustellen. Dass zeigt sich darin, dass Dinge, die uns noch vor Wochen selbstverständlich waren, nun eher irrelevant sind. Sei es die Schwarze Null oder der Drang zum grenzenlosen Wirtschaftswachstum. Es ist eine Vollbremsung, die unser gewohntes Leben hinnehmen musste. Leider sehen wir auch, wie schnell unsere Grundrechte außer Kraft gesetzt werden können. Obgleich die Kontaktverbote und Ausgangsbeschränkungen wichtig und richtig sind, wir sollten dankbar sein, diese Grundrechte zu haben. Vor allem aber konfrontiert uns die Krise mit uns selbst.

Einige, die Menschen in den systemrelevanten Berufen ausgenommen, scheinen in dieser Zeit daheim nicht nur das Langweilen verlernt zu haben. Vielen fällt es schwer, außerhalb der Arbeit sinnvollen Tätigkeiten nachzugehen. Denn das Individuum seinen Tagesbedarf an Streamingdiensten aufgebraucht hat, so scheint es an alternativen Beschäftigungen zu mangeln. Kaum verwunderlich, denn es ist schwierig acht Stunden tägliche Arbeit aus dem Nichts zu kompensieren – sofern man nicht im Homeoffice ist. Dass es dennoch bereits Anleitungen bedarf, um die Zeit zuhause irgendwie durchzustehen, ist für unsere hektische und ungeduldige Gesellschaft bezeichnend. Als hätte man noch nie etwas von Büchern oder Musikinstrumenten gehört.

Es ist offensichtlich, dass unser Leben so sehr auf das Arbeitsleben fokussiert ist, dass wir ein Problem damit haben, wenn die Arbeit ausgeht. Nicht nur des Geldes, sondern des Sinnes wegen. Vielleicht ist notwendig, ein Leben außerhalb der Arbeit neu zu erfinden. Corona zwingt also zum Entschleunigen, nicht nur auf wirtschaftlicher, sondern auch auf individueller Ebene. Welche Lehren sollen wir nun aus dieser Zeit mitnehmen?

Ganz genau lässt sich das freilich nicht sagen, denn noch sehen wir nicht alle Folgen des Virus. Wir stellen dennoch fest, dass Prioritäten gesetzt wurden, dass Menschenleben vor der ökonomischen Vernunft stehen  – selbst wenn viele Gelder in den Sand gesetzt wurden. Diese Bereitschaft sollten wir längst für Klimakrise zeigen. Ohne Frage, wir werden natürlich Arbeitsplätze einbüßen, doch gerade deshalb gilt spätestens nach der Krise diese Thematik anzupacken, damit nicht wieder eine Vollbremsung nötig ist, um eine Katastrophe zu verhindern.

Natürlich werden wir erst nach Corona sehen, inwiefern unser Leben sich verändert hat. Doch man sieht bereits jetzt: wir sind in der Lage, gewohnte Lebensstrukturen zu verändern oder anzupassen – eben weil sie Erfindungen des Menschen sind. Nein, wir stehen nicht im Zentrum der Natur, wir sind lediglich ein kleiner Teil von ihr. Der Mensch kann sich dieser anpassen – vor allem das zeigt uns Corona.

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Article by Christoph Ohlwärther