Religionskritik und Berufsunfähigkeit

Religionskritik und Berufunfähigkeit2

Der gefährlichste Job der Welt

 

Ich google nach einer Berufsunfähigkeitsversicherung.

„Wozu brauchst du die denn bitte?“, fragt Kurt ungefragt. „Ich kann dir deine Unfähigkeit gratis bescheinigen.“

„Danke“, antworte ich verärgert. Dass Kurt Schreiben nicht als ernst zunehmenden Beruf wahrnimmt, würgt er mir bei jeder Gelegenheit rein.

„Die zehn gefährlichsten Berufe der Welt“, lese ich einen Interneteintrag vor. „Auf Platz eins ist der Bombenentschärfer, dicht gefolgt vom Fensterputzer und Ice-Truck-Fahrer.“

„Das ist doch nicht ganz richtig“, wirft Kurt mit einem Blick auf sein Smartphone ein. „Was ist mit Journalisten in der Türkei oder Religionskritikern?“

„Oder mit Fußball-Schiedsrichtern und Frauen?“, fügt meine Freundin, die Existenzangst, hinzu. „Schiedsrichter werden gerade in den unteren Ligen beim Dorf-Fußball körperlich angegangen und Frauen sind häufig Opfer von Gewalt durch den eigenen Partner.“

„Frau zu sein ist aber kein Beruf“, antworte ich. „Halt besser mal den Mund oder es scheppert gleich!“

Unangenehmes Schweigen zeigt, dass mein Witz seine Wirkung etwas verfehlt hat. Ein eiskalter Blick meiner Angetrauten lässt vermuten, dass ich eine Berufsunfähigkeitsversicherung vielleicht dringender brauche als ich angenommen hatte.

„Bahn-Mitarbeiter haben es auch nicht leicht. Die wünschen sich gerade im kommenden Schnee-Chaos sicher lieber, auf einem Fenstersims im zehnten Stock eine Bombe zu entschärfen als dem aufgebrachten Mob der Fahrgäste gegenüberzustehen“, versucht Kurt die Spannung im Zimmer zu lösen.

 

Schreiben ist gefährlich

 

„Hamed Abdel-Samad ist Islamkritiker und steht unter Polizeischutz. Ägypten hat die Fatwa über ihn verhängt. Sag du noch mal, schreiben sei nicht gefährlich!“, entgegne ich Kurt.

„Vor allem schlechte Witze auf Kosten anderer zu machen ohne vorher nachzudenken, ist dabei gefährlich“, knurrt die Existenzangst und fixiert mich noch immer bohrend.

„Der Witz bei Abdel-Samad liegt ja darin, dass er dem Islam, neben Selbstüberschätzung und Paranoia, Kritikunfähigkeit vorwirft sowie den Hang dazu beleidigt zu sein und dafür quasi für vogelfrei erklärt wird. Das Verhalten der Glaubensführer bestätigt seine Kritik nur. So einen offensichtlichen Witz würde ich nie wagen zu machen“, sage ich.

„Interessant ist dabei, dass Leibwächter auf dem elften Rang der gefährlichsten Jobs rangiert“, stellt Kurt fest. „Die, die ihn jetzt bewachen leben also noch gefährlicher als er.“

„Hm. Was sollen wir daraus schlussfolgern?“, frage ich in die Runde.

 

Die Suche nach der Pointe…

 

„Wir müssen mehr Mohammad-Witze machen“, findet Kurt. „Kommen ein Rabbi, Mohammad und der Papst in eine Metzgerei, sagt Mohammad…“

„Nein!!!“, rufe ich, „machen wir hier nicht. Wir brauchen kein Öl ins Feuer zu gießen, sondern was wir brauchen ist eine Abkehr vom Beleidigt-Sein. Nicht nur die Religionsfreiheit ist zu achten, sondern auch eine Freiheit von jeglicher Religion.“

„…und eine gute Pointe“, kichert Kurt. „Sagt Mohammad also…“

„NEIN!“, poltere ich. „Wir brauchen nicht immer eine Pointe oder müssen alles lächerlich machen. Wenn es offensichtlich lächerlich ist. Wie religiöse Gefühle. Wir alle erlernen im Laufe des Lebens Emotionen wie Freude, Angst, Wut, …“

„Magst Du mal erraten, was davon ich gerade fühle?“, fragt mich die Existenzangst bissig.

„…jedenfalls“, versuche ich sachlich zu bleiben, „jedenfalls ist Religion ganz sicher kein Gefühl!“

„Ich verstehe“, sagt Kurt, „das wäre in etwa so als würde ich mich bei der Bank beschweren, weil ich im Dispo bin und wäre beleidigt, weil das meine wirtschaftlichen Gefühle verletzt: pleite zu sein.“

„Genau“, sage ich, „und jede politische Diskussion könnte nicht mehr sachlich und inhaltsbetont geführt werden, sondern jegliche Gegenposition wäre eine Verletzung politischer Gefühle.“

„Sachlich und inhaltsbetont“, lacht Kurt. „Deine Realitätsverweigerung hat schon was von einer Religion, du wärst ein super Moslem. Abgesehen von deinem Weinvorrat.“

„War das jetzt endlich deine Pointe?“, frage ich entnervt.

 

…kommt vor der Flucht!

 

„Nein“, schaltet sich die Existenzangst ein, „die Pointe ist eine unerwartete Wendung. Also, wenn ich dir deine vorherige Taktlosigkeit verzeihen würde, zum Beispiel. Offensichtliches festzustellen, ist noch keine Pointe.“

„Tut mir leid, Schatz“, sage ich, „aber Witze dürfen auch mal wehtun, das liegt in ihrer Natur und zeigt, dass sie einen Nerv treffen im Vergleich zu einer harmlosen, höchstens mal zotigen Comedy-Nummer bei RTL. Gewalt gegen Partner, Partnerin oder Andersdenkende ist neben der Aktualität immer auch Ausdruck der eigenen…“

„Hmmm“, sagt die Existenzangst bedächtig und ihre Augen verengen sich zu Schlitzen. „Mal sehen wie viele Nerven ich gleich bei dir treffe und ein eigener Ausdruck fällt mir auch schon ein. Aber sei versichert, eine Comedy-Nummer wird das nicht!“

Während ich vor ihr davonlaufe, frage ich mich, warum wir neben all den zwischenmenschlichen und zivilisatorischen Problemen ausgerechnet die Religion gebraucht hatten? Wohl um der Sinnlosigkeit unserer Existenz zu entkommen. Für den Moment reicht es mir aber der Existenzangst zu entkommen.

“Vor Kritik kann man nicht davon laufen. Bleib stehen und lass dich mal richtig kritisieren!”, hören die Nachbarn den Ruf meiner Freundin noch durch den Hausflur hallen.

Kurt ruft uns aus der Tür hinterher: “Das ist eindeutig Comedy. Britischer Slapstick! Meine Pointe war viel besser.  Kommen also Mohammad, ein Rabbi und der Papst zum Metzger…”

Den Rest höre ich auf meiner Flucht leider nicht mehr. Zu Weihnachten werde ich mir Polizeischutz vor meiner Freundin wünschen.

Article by Fabian Schütz

Geboren in der Nähe von Augsburg, aufgewachsen ohne Verstand aber mit sehr lieben Eltern, hat traurige Berühmtheit als Klassenclown erlangt. Danach Buchhändler, dann Student des Journalismus und hat die Liebe zur Kunst entdeckt. Die Kunst des Blödsinns. Seitdem hat er beschlossen die Menschen um sich zum Lachen zu bringen. Er mag keinen Rosenkohl, Hitler und Katzen. Er glaubt das sei die Dreifaltigkeit aus der Hölle.

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