Sex ist nicht unpolitisch – Zweite Welle des Feminismus (femme courageuse)

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Die #Me-Too-Bewegung ist inzwischen ein Jahr alt geworden und hat die ganze Welt zum Diskutieren gebracht. Männer, die Frauen schlimmes angetan hatten, wurden verurteilt oder stehen auf einmal viel mehr als jemals zuvor im öffentlichen Interesse. Wir sind der Gleichstellung einen Schritt näher gekommen, vieles das als “normal” hingenommen wurde, wird jetzt hinterfragt.

In der letzten Erscheinung der “femme courageuse” ging es um die erste Welle der Frauenbewegung, die ihr Ende im Zweiten Weltkrieg fand. Die zweite Welle der Frauenbewegung ließ dann aber noch lange auf sich warten.

 

Die zweite Welle der Frauenbewegung (Teil 2)

( ca. 1960 bis 1980)

 

Wenn Krieg war, wünscht man sich oft wieder Stabilität zurück. Etwas an dem man sich festhalten kann.

Genauso ging es den Menschen nach dem Zweiten Weltkrieg: Das Resultat für die Frau waren stark in der Gesellschaft verankerte patriarchale Strukturen. Wenige Frauen studierten, noch weniger waren in der Politik vertreten. Ohne Einwilligung des Mannes durfte die Frau nicht arbeiten und wenn, dann vor allem nur in „frauentypischen Berufen“. In der Ehe konnte der Mann tun und lassen was er wollte. Er verfügte über das Geld und sollte er seine Frau vergewaltigen, fiel das unter „eheliche Pflichten“.

Das war der Punkt, an dem die Frauen bis in die 60er standen. Doch alles änderte sich mit einer Tomate. Am 13. September 1968 fand der 23. Delegiertenkonferenz des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) statt. Der SDS war ein politischer Studentenverband in West-Deutschland, der sich von der SPD abgespalten hatte. Sich selbst verstand der SDS als Teil der internationalen Neuen Linken und als Mitstreiter der Außerparlamentarischen Opposition in Deutschland. An diesem Tag aber, hatte SDS-Miglied Helke Sander genug.

In ihrer Rede prangerte die Filmemacherin und später Autorin, die Diskriminierung der Frau durch den SDS an. Er sei das Spiegelbild der männlich geprägten Gesellschaft. Die Reaktionen fielen verhalten aus. Aus Wut darüber, dass die Rede nicht diskutiert werden sollte, warf die Aktivistin Sigrid Rüger eine Tomate in Richtung Podium und traf Hans-Jürgen Krahl, einen bekannten Vertreter der 68er Bewegung und Schüler des Ökonomen Theodor Adorno. Am selben Tag gründeten die Frauen in der SDS die sogenannten „Weiberräte“. Bald spalteten sie sich ab und organisierten sich beispielsweise in Frauenzentren. Die entstanden zu dieser Zeit in großer Zahl und dort wurden Arbeitsgruppen gegründet, organisierten feministische Berufsgruppen und starteten Frauenprojekte. Sie galten als großer Antrieb der Frauenbewegung. Damit begann der Sturm auf das Alteingesessene. Das Infrage stellen des Alltäglichen zeichnet die zweite Welle des Feminismus aus.

 

„Das Persönliche ist Politisch“ (Helke Sander)

 

Eines der wichtigsten Themen, war das Recht auf körperliche Selbstbestimmung. 1971 formierte sich eine Bewegung gegen das damals noch geltende Abtreibungsverbot. Ihre Forderungen: Man wollte über die Abtreibung selber bestimmen können und der Schwangerschaftsabbruch sollte auch von Fachärzten durchgeführt werden dürfen. Die “Pille” sollte als Kassenleistung festgeschrieben werden und es sollte eine Sexualaufklärung geben, die sich auch auf die Bedürfnisse der Frau fokussiert.

Um Helke Sander herum formte sich die Gruppierung “Brot und Rosen”, die 1973 das “Frauenhandbuch Nr.1” verfasste. Thema: Die Nebenwirkungen der Antibabypille. Entgegen auch eingängigen Protest männlicher Gynäkologen, begannen die Frauen ihre eigenen Körper zu erkunden. Mit Spiegeln und medizinischen Geräten untersuchten sie selbst ihre Vulven und ignorierten dabei den Protest, der vor “Sittenverfall” warnte. Das feministische Frauengesundheitszentrum (FFGZ) wurde vom Frauenzentrum West-Berlin gegründet, man begann offen über Vergewaltigungen zu sprechen und in den Frauenzentren wurden Schutzeinrichtungen geschaffen. Konkret gab es nun eine Notrufnummer, Frauenhäuser und Selbstverteidigungsschulungen. In der spießigen Gesellschaft damals kam vieles davon nicht gut an.

Mit der Zeit aber begann die Bewegung zu zerfasern. Während in den 70er Jahren ohne Ende protestiert wurde, gab es in den 80ern immer weniger Aktionen. Es entstand eine Kluft in der Bewegung selbst: Die einen wollten autonom ihr Engagement weiterführen. Die anderen wollten sich institutionell verankern. Damit verschwand die Frauenbewegung wieder einmal fast komplett von der Bildfläche.

Article by Sarah Walz

Studiert Ressortjournalismus an der Hochschule Ansbach. Arbeitet als Freie Mitarbeiterin beim Schwarzwälder Boten und Autorin beim Zollern-Alb-Kurier. War Praktikantin beim Radiosender afk max und moderiert eigene Sendungen. Ebenso Praktikantin beim Medienzentrum Parabol. Dazu Redakteurin beim Campusradio Ansbach. Derzeit Praktikantin bei Pro Sieben Galileo. Interessiert an Fotografie und Filmen, sowie Literatur und Tanz.

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