Terroristen wollen uns töten, aber niemand bekommt es mit (Der Rote Faden)

bullets

Machen wir einen kleinen Test: Welches der folgenden Ereignisse ist wirklich so passiert?

  • Beamte und Staatsdiener haben ein bundesweites Terrornetzwerk gegründet und wollen Menschen töten.
  • Ein Politiker einer extremen Partei hat eine Terrororganisation gegründet, die Menschen töten will.
  • Eine Terrororganisation ist jahrelang durch das Land gezogen und hat unbemerkt Menschen getötet, die einen anderen Glauben hatten.
  • Normalbürger, die an etwas anderes glauben, planen den gewaltsamen Sturz unserer Demokratie.
  • Normalbürger, die an etwas anderes glauben, isolieren sich von der Gesellschaft und radikalisieren sich.

Klingt unglaublich? Wenn das alles stimmen würde, sollten wir uns wirklich Sorgen machen? Nun, dann habe ich leider schlechte Nachrichten: Jede einzelne Geschichte stimmt.

Die taz hat aufgedeckt, dass Rechtsextreme Beamte, Soldaten und Polizisten Terrorzellen gebildet haben. Sie haben sich bundesweit vernetzt und auf einen bewaffneten Kampf vorbereitet. Der Nordkurier hat am Dienstag aufgedeckt, dass eine Terrororganisation, namens “Blutorden” geplant habe, “Feinde” bei der Machtübernahme mit Waffengewalt zu töten. Mitbegründer soll der Fraktionsvorsitzende der AfD im Landtag Mecklenburg-Vorpommern sein, Nikolaus Kramer.

Der Fall um den NSU, der jahrelang unbemerkt Menschen ermordet hat, wird vom Verfassungsschutz nicht richtig aufgeklärt. Deutsche Rechte missbrauchen die anfänglich antikapitalistischen “Gelben Westen“, die in Frankreich gegen Präsident Macrons wirtschaftsliberale Politik protestieren. Die deutschen “Ableger” rufen hier zum Staatsstreich auf, nicht gegen die kapitalistische Bundesregierung, sondern gegen die vermeintlich flüchtlingsliebende Bundesregierung. Die Zahl der Reichsbürger steigt stetig. (sz.de)

Die Gefahr von rechts ist konkret. Die Gefahr von rechts ist akut. Doch viele Menschen bekommen sie nicht mit.

Warum geht Rechtsterrorismus unter?

Weil er einfach keine Sau interessiert. Zugegeben, über den NSU wurde intensiv berichtet. Solange der Gerichtsprozess um Beate Zschäpe dauerte. Da war ja schon was passiert, Menschen haben bereits gemordet. Das ist interessant.

Bei “Hannibals Schattenarmee“, wie die taz das rechte Netzwerk nennt, bleibt die Aufmerksamkeit aus. Die haben scheinbar noch keine Menschen ermordet. Markus Zeidler, Redakteur von “Hart aber Fair”, erklärt Deutschlandfunk Kultur, dass ihnen das Thema nicht kontrovers genug und tief genug recherchiert sei. Das ist eine Meinung. Doch die taz hat die Geschichte wohl kaum künstlich aufgeblasen. Wir sprechen hier schließlich nicht von der Bild, sondern von einer Zeitung, deren Journalisten regelmäßig Preise für ihre Recherchen gewinnen.

Vielleicht ist es aber auch einfach so, dass wir uns an Geflüchteten und islamistischem Terrorismus fest gebissen haben. Klingt auch logisch. Der durchschnittliche Deutsche glaubt vielleicht, er müsste keine Gewalt von rechts befürchten. Er teilt sich schließlich Hautfarbe und Nationalität mit den Rechten. Natürlich ist islamistischer Terrorismus gefährlich und kostet Menschenleben. Der muss bekämpft werden. Dabei vergessen wir nur leider den Terror durch Nazis.

Vielen Medien geht es genauso. Für sie ist “fremder” Terrorismus einfach attraktiver. Das bestätigt nicht nur eine Statistik des Bundestagsabgeordneten Marco Bülow. Er hat in eineinhalb Jahren 204 Sendungen der fünf relevantesten politischen Talkshows von ARD und ZDF nach ihrer Themengebung sortiert. In 52 Sendungen ging es um Geflüchtete.

Auch der Journalist Michael Kraske bestätigt Geflüchtete als Trend. (Deutschlandfunk Kultur)

Müssen wir Angst haben?

 

 

 

 

Nein.

 

 

 

 

Wenn sich Nazis aber jahrelang problemlos bewaffnen können und in unseren Behörden sitzen, sollten wir die Gefahr zumindest ernst nehmen. Natürlich muss die Regierung dringend in ihren Behörden aufräumen und Konsequenzen ziehen. Natürlich müssen alle Medien anfangen, über Rechtsterrorismus zu berichten – ohne Panik zu verbreiten.

Den Anfang müssen allerdings wir machen. Indem wir Recherchen, wie die der taz, lesen und dadurch belohnen. Indem wir Talkshows abschalten, in denen die Gäste lieber zum hundertsten Mal über Geflüchtete streiten, anstatt über die Bekämpfung realer Probleme zu diskutieren. Falls wir Talkshows überhaupt schauen.

Denn die meisten Medien orientieren ihre Themen an Einschaltquoten, Verkaufszahlen oder Klicks. Dafür müssen wir uns bloß vor Augen führen, dass rechter Terrorismus nicht nur Geflüchtete oder Linke töten will, sondern jeden, der auch nur ein bisschen anders denkt, als Nazis.

Article by Baha Kirlidokme

Studiert Politik- und Wirtschaftsjournalismus an der Hochschule Ansbach. Freier Mitarbeiter bei der Main-Post und dem Schweinfurter Tagblatt. Sitzt aktuell in der bento-Redaktion von Spiegel Online. Autor beim Radiosender ANgedacht. War Redakteur beim Ansbacher Stadtmagazin Kaspar und Autor für das Musikmagazin Stormbringer.

Comments: no replies

Join in: leave your comment