Vollgas mit dem Auto – die Handbremse am Verstand

Vollgas für die Freiheit

Kurt hat das Gaspedal bis zum Anschlag durchgedrückt. Vollgas. Der Motor rasselt wie der Atem eines Kettenrauchers. Die Tachonadel vibriert an der 100-km/h-Markierung. Unser Corsa gibt alles. Kurt schimpft: „Wie soll ich mit der Gurke je auf 130 kommen?“
„Nicht so schnell“, ruft die Existenzangst von der Rückbank. Man hört sie kaum. Das Auto ähnliche Gefährt vibriert und klappert beängstigend, dass der Fahrtwind es nicht auseinanderreißt, liegt wohl nur daran, weil es in dieser klaren Nacht sehr windstill ist. Eine Böe und das Verdeck wäre weg.

„Dir ist schon bewusst, dass es hier nicht um Mindestgeschwindigkeit geht, sondern mir sehr lieb wäre, sicher anzukommen?“, entgegne ich meinem Fahrer, der verbissen über das Lenkrad gebeugt in die Nacht starrt.

„Aber Geschwindigkeit ist doch alles, was wir noch haben. Die Freiheit, wann wir wollen, wohin wir wollen, so schnell wir wollen zu fahren. Und wer seine Freiheit nicht nutzt, macht sich an einem Verbrechen an der Demokratie schuldig!“, zischt Kurt zwischen den Zähnen hindurch. Die Sicht auf der Landstraße wird dadurch erschwert, dass wir nur noch einen Frontscheinwerfer haben. Kurt ist gegen den anderen mit seinem Fahrrad gefahren.

„Es ist aber auch Freiheit, nicht von jeder Freiheit jederzeit Gebrauch zu machen“, erwidere ich. „Außerdem geschehen die meisten tödlichen Unfälle auf Landstraßen. 130 auf der Autobahn wäre ein Anfang, aber letztlich nur ein Tropfen…“
„VORSICHT!“, schreit die Existenzangst. Mit Mühe gelingt es Kurt einem entgegenkommenden Motorrad auszuweichen. Wir schlingern etwas, können die Fahrt aber fortsetzen.

„Siehst du, was passiert, wenn man nur seine Freiheit im Blick hat, aber nicht das Wohl der Anderen?“, fragt die Existenzangst mit noch immer erschrockenen, weit aufgerissenen Augen.

„Mein gesunder Menschenverstand sagt mir, dass sowas nicht passieren würde, hätte der Motorradfahrer seine Maschine besser im Griff“, kommentiert Kurt das Geschehene trocken.

Rücksicht gibt es nicht mit Rückspiegel

„Sag mal, schnüffeln du und Andreas Scheuer das gleiche Zeug?“, frage ich genervt. „Du hältst dich für einen von Millionen Autofahrern, der alles, ach so toll, im Griff hat. Muss ich dich daran erinnern, wer die Delle in die Seitentüre gefahren hat? Auf einem Parkplatz. Mit einem Einkaufswagen. Das war noch nicht mal Schrittgeschwindigkeit und du hattest nichts unter Kontrolle.“ Langsam bin ich verärgert über Kurts Rücksichtslosigkeit und seinen lächerlichen Geschwindigkeitsrausch.

„Das lag nur daran, dass ich kaum was gesehen habe, weil mein behämmerter Mitbewohner den ganzen Wagen voller Weinkartons gestapelt hat.“

„Aber du warst der Fahrer. Von einem Einkaufswagen.“

„Hört auf zu streiten“, sagt die Existenzangst, „im Prinzip ist das doch typisch. Die Verantwortung will niemand tragen. Nicht für die Feinstaubbelastung, nicht für klimatische Veränderungen und nicht für die tausenden Verkehrstoten. Ihr kommt kaum mit dieser 60 PS-Schrottkiste klar oder einem Einkaufswagen, aber träumt heimlich von einem 400 PS-Geschoss. Neben dem Auto aber seinen Verstand mal hochzurüsten, darauf kommt niemand. Eine Geschwindigkeitsbeschränkung würde den Benzinverbrauch neben dem Unfallrisiko senken und auch dem Blutdruck ganz gut tun. Das ist gesunder Menschenverstand.“

“Ich habe den Einkaufswagen nur gefahren, weil du dem Rentner an der Kasse in die Kniekehlen gedonnert bist. Sei froh, dass der noch lebt”, will Kurt die Diskussion noch nicht einstellen. Seine Männlichkeit ist wohl etwas gekränkt.

Die Suche nach dem Menschenverstand

Ich antworte aber lieber unserer Gefährtin auf der Rückbank. “Um den Verstand geht es hier nicht und auch noch nicht mal um die Autoindustrie. Ablenkung ist das“, erwidere ich, „das berühmte Kansas-City-Shuffle: Bring die Leute dazu nach rechts zu sehen, während du links vorbeigehst. Andreas Scheuer ist eine fleischgewordene Ablenkung, während niemand mitbekommt, dass die Rüstungsausgaben erhöht werden sollen. So wie die Clowns in der Manege die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, während im Hintergrund der nächste Akt vorbereitet wird.“

„Ha!“, ruft Kurt aus, „und was ist dann Jens Spahn, der alte Onkologe?“

„Ein zynischer Ronald McDonald auf Kokain“, erwidert die Existenzangst prompt.

„Okay, wir finden den gesunden Menschenverstand also weder ab 130 km/h noch in der Politik. Wo ist er dann?“, fragt Kurt, während er in unsere Einfahrt einbiegt und geschickt auf meinem Fahrrad parkt. Das Knirschen ist zwischen dem Ächzen des Motors kaum zu vernehmen. In nächster Zeit werde ich eben wieder viele Spaziergänge machen. Ist gesund und regt den Verstand an.

„Es ist doch sowieso interessant, dass der Menschenverstand an sich oft explizit mit dem Adjektiv „gesund“ verbunden ist. Das hieße ja, dass der Verstand eines Menschen von Natur aus krank wäre“, stellt die Existenzangst fest, während wir die Stufen zu unserer Wohnung hinaufgehen.

Das würde sehr vieles erklären.

 


Unser Autor Fabian wohnt seit geraumer Zeit in einer WG mit seinem Kumpel Kurt, der gelegentlich zu Übertreibungen neigt und für Krawall jederzeit zu haben ist.
Seit einigen Monaten hat sich die Existenzangst zu den beiden gesellt, die inzwischen auch ein amouröses Verhältnis mit unserem Autor unterhält.

Die drei unterhalten sich immer wieder über politische Themen oder Alltagssorgen und -nöte in einem völlig sinnfreien Universum.


 

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Article by Fabian Schütz

Geboren in der Nähe von Augsburg, aufgewachsen ohne Verstand aber mit sehr lieben Eltern, hat traurige Berühmtheit als Klassenclown erlangt. Danach Buchhändler, dann Student des Journalismus und hat die Liebe zur Kunst entdeckt. Die Kunst des Blödsinns. Seitdem hat er beschlossen die Menschen um sich zum Lachen zu bringen. Er mag keinen Rosenkohl, Hitler und Katzen. Er glaubt das sei die Dreifaltigkeit aus der Hölle.