Warum Feminismus nicht konservativ sein darf (Der Rote Faden)

Feminismus gilt als eine klassisch linke Strömung. Heute werden viele feministische Themen allerdings auch von Konservativen oder Liberalen besetzt. Unser Redakteur Baha Kirlidokme bezweifelt in seiner Kolumne, dass man in diesem Lagern den Sinn des Feminismus wirklich erfüllt.


Wer wirklich links ist, ist für die Gleichstellung oder Gleichberechtigung von Frau und Mann. Unabhängig von den zahlreichen linken Strömungen, die es gibt, heißt links sein immer eins: Für Soziale Gerechtigkeit sein. Zur Sozialen Gerechtigkeit gehört auch die Gleichstellung von Frau und Mann. Wer nicht für die Gleichstellung ist, ist auch nicht links. Wer links ist, ist Feminist.

Die Idee der Gleichstellung zieht aber nicht nur im linken Spektrum seine Kreise. Auch Liberale fordern heute die Gleichstellung. Sogar Konservative fordern sie vereinzelt ein, ohne dabei das Wort “Feminismus” in den Mund zu nehmen. Das ist erst einmal eine positive Entwicklung und wirklich lobenswert. Jeder sollte für den Kampf für Frauenrechte sein. Doch am Ende bringt er in diesen Kreisen nicht viel. Er hilft sogar, sich mit Strukturen zufrieden zugeben, die der Sozialen Gerechtigkeit im Weg stehen.

Schon im 20. Jahrhundert wusste man: Mit Kapitalismus gibt es keine Emanzipation

Liberale und Konservative halten am kapitalistischen Wirtschafts- und Wertesystem fest. Selbst wenn diese Kreise noch so viel für die Gleichstellung tun, kann es sie im Kapitalismus nicht geben. Denn die Idee des Feminismus basiert auf der Idee, dass alle Menschen in ihren Rechten und Chancen gleich sein sollen. Ein liberaler oder konservativer “Feminismus” erreicht dieses Ziel nicht.

Simone de Beauvoir schreibt bereits 1951 in ihrem bis heute gefeierten Werk “Das andere Geschlecht” davon. Das Buch, das zu dem Zeitpunkt als umfassendste Analyse der Geschlechterverhältnisse gilt, beschäftigt sich neben psychologischen, biologischen oder sozialen Untersuchungen auch mit der Ökonomie. Damit beschäftigt sie sich auch in ihrem 1963 erschienenen Memoiren-Band “Der Lauf der Dinge“. Sie kommt zu dem Schluss, dass eine kapitalistische Ökonomie Frauen zwangsläufig unterdrückt.

“Ich habe niemals die Illusion genährt, die Bedingung der Frau sei transformierbar; sie ist von der Zukunft der Arbeit abhängig, sie wird nur ernsthaft zu ändern sein um den Preis der Umwälzung der gesamten Produktionsbedingungen.”

Der Kapitalismus missbraucht den Feminismus

Ein einfaches Beispiel: Die US-Sängerin Beyoncé setzt sich vermeintlich für Frauen auf der ganzen Welt ein. Sie wird von Fans als starke Vorzeigefeministin gefeiert, die 2014 sogar einen Essay zur Gleichberechtigung veröffentlicht hat. Darin schreibt sie selbstverständliche Dinge, wie:

“Männer müssen einfordern, dass ihre Töchter, Frauen, Mütter und Schwestern mehr verdienen. Wir werden erst gleichberechtigt sein, wenn auch Frauen der gleiche Lohn und der gleiche Respekt zugestanden wird, wie Männern.”

Eine völlig richtige Forderung! Leider ist der sogenannte “Gender Pay Gap” immer noch real. Frauen verdienen im Schnitt immer noch 21 Prozent weniger als Männer. Selbst beim sogenannten “bereinigten Wert” sind es noch sechs Prozent. (tagesschau)

Doch gleichzeitig beschäftigt Beyoncé Frauen in einer sri-lankischen Textilfabrik für sechs Dollar am Tag. Die britische Tageszeitung “The Sun” berichtet 2016 davon, dass sich die Arbeiterinnen ihrer Kleidermarke “Ivy Park” sogar Gemeinschaftsduschen mit Männern teilen müssten. Sie würden generell unter schlechten Bedingungen arbeiten und dann auch noch den ganzen Tag. Laut der Wirtschaftszeitschrift “Forbes” hat Beyoncé übrigens ein Vermögen von 350 Millionen Dollar.

Feminismus geht im globalen Kapitalismus nur so weit, wie der monetäre Gewinn geht. Ein weiteres Beispiel dafür, wie Feminismus von Kapitalisten instrumentalisiert wird, um humaner zu wirken, ist die von der Großen Koalition eingeführte Frauenquote. Natürlich kann man über Quoten-Regelungen diskutieren. Manche Frauen finden sie gut, andere fühlen sich dadurch bevormundet. Die Quoten-Regelung der Bundesregierung ist aber etwas ganz besonderes.

Der 2015 verabschiedete Beschluss verpflichtet 108 börsennotierte Unternehmen mit mehr als 2.000 Mitarbeitern zu einer Frauenquote von 30 Prozent. Weitere 3.500 Unternehmen müssen sich ein beliebiges Ziel bei der Quote setzen. In den 30 Dax Unternehmen beträgt die Pflichtquote 21 Prozent.

Klingt unzureichend? Es ist sogar schlimmer: Denn die Zahlen beziehen sich nur auf die Aufsichtsräte der Unternehmen. In der konservativ-liberalen Koalition – anders kann man die Große Koalition in dem Kontext nicht nennen – ist man nämlich nicht empört darüber, dass eine kleine Zahl von Unternehmern über den Großteil des nationalen und auch internationalen Vermögens verfügt. Dass das reichste Prozent der Menschen strich im letzten Jahr nämlich 82 Prozent des globalen Vernögens ein. (oxfam) Man ist nur empört darüber, dass Ausbeutung heute immer noch vor allem von Männern ausgeht. Frauen sollen endlich auch das Recht haben, Menschen auszubeuten!

Feminismus ist dennoch wichtig

Simone de Beauvoir hat natürlich nicht gemeint, dass man nicht für Frauenrechte kämpfen soll, solange wir noch im Kapitalismus leben. Denn auch oder gerade in einem unterdrückenden System müssen wir alle dafür kämpfen, dass es jedem Menschen besser geht. In jedem Lebensbereich.

Natürlich ist Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern kein exklusiv linkes Thema. Auch Menschen anderer Strömungen dürfen das Ziel gerne anstreben. Wenn sie es ehrlich meinen, ist es sogar schön zu sehen, dass der Kampf um Frauenrechte inzwischen auch Kreise erreicht hat, die bis vor wenigen Jahren noch dagegen waren, Vergewaltigung in der Ehe zu einer Straftat zu erklären. Aber wer es ehrlich meint und weiterhin konservative oder liberale Politik Ideen verfolgt, sollte sein Lager noch einmal überdenken. Denn der Kampf um Frauenrechte ist am Ende auch der Kampf um Menschenrechte. Und die gibt es eben nicht mit Strömungen, die Ausbeutung von Menschen oder Schlimmeres durch andere Menschen in Kauf nehmen oder sogar fördern.


Mehr zu Feminismus in unserer neuen Kolumne femme courageuse:
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Article by Baha Kirlidokme