Warum Nichtwähler?

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Wählen ist wichtig. Jede Stimme zählt. Aber trotzdem gehört zur Realität dazu, dass sich Nicht-Wähler, nicht zu Unrecht, machtlos fühlen.
Unser Chefsatiriker Fabian Schütz erklärt, woher das Gefühl der Machtlosigkeit herkommt.


Europa wählt. Für Europa. Der Wahlkampf läuft, im TV ein Hauen und Stechen, um Sendezeit und Aufmerksamkeit. Noch einmal bevor sich die Eminenzen der dunklen Seite wieder hinter der lobbyistischen Intransparenz im Parlament verstecken.

Die Slogans sind aber inzwischen eher Fragen statt Antworten: „Wie soll Europa vorankommen, wenn Deutschland stehen bleibt?“ (FDP) oder „Geht’s noch Brüssel?“ (AfD); dagegen halten die CDU und drohen vage „Frieden ist nicht selbstverständlich“ und die Grünen „Wer den Planeten retten will, fängt mit diesem Kontinent an“ – aber wohl lieber nicht mit dieser Partei? Und die SPD: „Zusammenhalt – #EuropaistdieAntwort“, aber auf welche Frage? Was gibt’s zu Mittag, wenn das Essen bei der Tafel auf mein Einkommen angerechnet wird? Europa. Willst du mich heiraten? Europa. Warum ist meine Rente so niedrig und die Miete so hoch? Europa!

Die Schattenmänner kommen einmal alle fünf Jahre aus der Deckung und brauchen des Volkes Stimme. Alle? Nein, nicht alle. Martin Selmayr ist nicht nur Jean-Claude Junckers rechte Hand, sondern inzwischen auch Generalsekretär. Vom Chef-Lobbyisten von Bertelsmann über EU-Sprecher für Telekommunikation, bis hin zum Kabinettschef hatte er mit Juncker und Elmar Brok (CDU) stets mächtige Unterstützer. Das Volk hat er dazu nie gebraucht.

Der Kontinent-Kaiser

Er ist Enkel zweier Wehrmachtsgeneräle, die schließlich Väter der Bundeswehr wurden und Jurist. Ist er also ein Vollblut-Arschloch? Nein, natürlich nicht. Er hat für die europäische Zentralbank und Bertelsmann gearbeitet. Ist er deshalb ein Bonzen-Arschloch? Nein, natürlich nicht.

Aber er ist „Junckers Monster“ (Spiegel), der „Bonaparte aus Brüssel“ (SPD) oder eben das Beispiel für alles, was in Europa nicht funktioniert: Demokratie zum Beispiel.

Die Dividenden-Dirne

Dafür hat die rothaarige Hexe aus dem Hause Bahlsen gezeigt, was funktioniert: Kapitalismus.

Die selbsternannte Kapitalistin, Verena Bahlsen, ist gerade einmal 25 Jahre alt und möchte Geld verdienen und von Dividenden und sowas (Bahlsen) Segel-Yachten kaufen.

„Früher gab’s Taschengeld heut‘ gibt’s Dividende – ein allerletzter Beweis dafür: Unsere Jugend ist zu Ende“


Kapelle Petra – Pogo in den Sonnenuntergang

Wer ihr die Dividenden verdient, ist der Berghutze (Moers) vermutlich nicht ganz klar. Als Seitenhieb auf Kevin Kühnert (SPD) war ihr Statement gedacht, und ironisch der Unterton. Es leuchtete das Backpfeifengesicht wie sie da vor der erfolgshungrigen Influencer-, Werbe- und Digitalstrategen-Generation sprechen durfte. Allesamt wahrscheinlich Watschengesichter. Sie selbst hat ein eigenes Start-Up in Berlin und hält ein Viertel des hannoverischen Familienunternehmens. Man muss halt ins richtige Nest geboren werden und nicht in irgendeine RTLII-Umgebung, in der es eher Nacht, denn Tag ist.

Geld will zu Geld

Geld will zu Geld wie Motten zum Licht. Wer arm ist braucht für den Hohn gar nicht erst zu sorgen. Mit rund 16 Prozent ist die Armutsquote, laut Oxfam, in Deutschland auf dem höchsten Stand seit 1996 und hat als Industrienation die höchste Vermögensungleichheit.

Um 20 Prozent ist wiederum in nur einem Jahr das Vermögen deutscher Milliardäre gestiegen. Kapitalismus funktioniert also, wer kein Geld hat wird weniger haben und wer es sowieso schon dicke hat, braucht einen größeren Geldspeicher. Hierbei geht es längst nicht mehr um eine Neid-Debatte. Das ist eine Gesellschaftsdebatte, eine Grundsatzdebatte, die über unser aller Schicksal entscheiden wird. Aber die größte Lobby hat kein Geld. Wir.

Kreuze, aber kein Halleluja

Was können wir also schon wählen? Die Lobbyisten sitzen schon vor den Politikern im EU-Parlament und wärmen die Sitze vor, die reichen Erben werden weiter verdienen und weiter vererben. Selmeyr und Bahlsen sind keine Krankheit, sie sind Symptome.

Wahlen sind wie eine gut geplante Illusion eines Zauberkünstlers. Während wir denken, dass wir die Kreuze machen – ob zustimmend oder protestierend – merken wir nicht, dass wir aufs Kreuz gelegt werden. Die Wahlen sind Ablenkung wie das Scheinwerferlicht bei der Vorstellung, das Entscheidende passiert immer hinter der Kulisse. Den Blick dahinter zu erhaschen ist nur den Hochwohlgeborenen vergönnt.

Article by Fabian Schütz

Geboren in der Nähe von Augsburg, aufgewachsen ohne Verstand aber mit sehr lieben Eltern, hat traurige Berühmtheit als Klassenclown erlangt. Danach Buchhändler, dann Student des Journalismus und hat die Liebe zur Kunst entdeckt. Die Kunst des Blödsinns. Seitdem hat er beschlossen die Menschen um sich zum Lachen zu bringen. Er mag keinen Rosenkohl, Hitler und Katzen. Er glaubt das sei die Dreifaltigkeit aus der Hölle.