Wieso gibt es in Wien so viele bezahlbare Wohnungen?

Marktverzagen #6

In vielen deutschen Großstädten gibt es zu wenige Wohnungen. Wer sucht, findet meist erst nach langem Suchen eine bezahlbare Bleibe. Für viele, die schon eine Wohnung haben, sind die Mieten zu hoch. Nicht so in der österreichischen Hauptstadt Wien: Hier gibt es immer noch viele bezahlbare Wohnungen. Die Stadt hat seit den 1920er Jahren kontinuierlich günstigen Wohnraum geschaffen. Kann Wien ein Vorbild für deutsche Großstädte sein?

  • Wohnungsmangel und hohe Mieten sind in vielen deutschen Großstädten ein Problem
  • In Wien gibt es dagegen viele bezahlbare Wohnungen
  • Sehr lange hat die Stadt Wien die vielen Wohnungen selbst gebaut. Ein Vorbild?

 

Wir alle möchten wohnen, aber Wohnen wird immer schwieriger. Vor allem in Großstädten steigen die Mieten immer weiter, und auch die Mietpreisbremse kann diese Not nicht lindern. Ein deutlicher staatlicher Eingriff könnte die Lösung sein. Wie sieht es mit der staatlichen Wohnungsbaupolitik aus? Es fällt vor allem auf, dass in Deutschland eher Luxusprojekte unterstützt werden, wie jüngst im Falle der Frankfurter neuen Altstadt.

Die Deutsche Wohnen ist eines der größten deutschen Wohnungsunternehmen und vermietet etwa 160.000 Wohnungen in ganz Deutschland, alleine 100.000 davon in Berlin. Ein Berliner Bündnis möchte die Deutsche Wohnen nun enteignen (siehe Link unten). Wohnungsunternehmen wie die Deutsche Wohnen oder die Vonovia nehmen durch das Vermieten der Wohnungen viel Geld ein, und das müssen sie auch. Sie versprechen ihren Aktionären hohe Gewinne und erhöhen deswegen die Mieten wo sie nur können. Es gibt viele Berichte von verschimmelten Wohnungen – und die Mieten steigen trotzdem.

Wien als Vorbild

Ein Vorbild in Sachen öffentlicher Wohnungsbau ist die Stadt Wien. In Wien gibt es seit mittlerweile 100 Jahren eine Tradition des sozialen Wohnungsbaus. Kern davon ist der Gemeindebau: Ein meist relativ großes Wohnhaus, in dem man für vergleichsweise sehr wenig Geld wohnen kann. Noch heute kann man in Wien für 5,80 Euro pro Quadratmeter sehr gut und günstig im Zentrum der Stadt wohnen. Ein Viertel aller Bewohnerinnen und Bewohner Wiens wohnen heute in den ca. 220.000 Wohnungen der Stadt.

Historisch fallen die Anfänge des sozialen Wohnungsbaus in Wien in die Zeit des „Roten Wiens“, der Zeit zwischen dem ersten Weltkrieg und dem Beginn des Faschismus in Österreich (ca. 1919-1934). Damals regierte eine starke Sozialdemokratie die Stadt, die viel für die Bildung, Gesundheitsversorgung und eben auch die Wohnsituation der Arbeiterinnen und Arbeiter getan hat. Von dieser Politik profitiert Wien noch heute.

Staatlicher Wohnungsbau in Deutschland?

Es gibt Ansätze, in Deutschland ähnliches zu machen. Die Fuggersiedlung in Augsburg ist das beste Beispiel für frühen sozialen Wohnungsbau in Deutschland. Doch in den letzten Jahrzehnten wurde der soziale Wohnungsbau hierzulande sehr vernachlässigt. Leichtfertig wurden zuletzt in Bayern 33.000 bisher staatliche Wohnungen an eine private Immobilieninvestmentfirma verkauft. Immer wieder wurde in letzter Zeit von verschiedener Seite gefordert, dass der Staat selbst wieder Wohnungen bauen lässt. Die immer weiter wachsenden Großstädte hätten diese Politik dringend nötig. Passiert ist bisher wenig.

Ob die Enteignung der Deutschen Wohnen in Berlin gelingen wird muss sich erst noch zeigen. In jedem Fall wäre der Erfolg ein starkes Zeichen für bezahlbares Wohnen und gegen die Spekulation mit Wohnraum. Man kann aber zumindest damit anfangen, die Lage nicht noch zu verschlimmern. Indem man kommunale Wohnungen nicht an Investoren verkauft. So schwer ist das gar nicht.

 

 

Zum Weiterlesen:

 

ZDF (2018): Die Anstalt vom 23.10.2018.

Deutsche Wohnen Enteignen (2019):

Tagesspiegel (2018): Kann die Deutsche Wohnen enteignet werden? Online 18.12.2018.

Deutschlandfunk (2018): Warum Wiener günstig wohnen. Online 20.09.2018

Süddeutsche Zeitung (2018): Söder gerät wegen GBW-Wohnungsverkauf in Bedrängnis. Online 07.06.2019

 

 

 

 

Patrick Klösel

Article by Patrick Klösel

Patrick Klösel hat Volkswirtschaftslehre, Politikwissenschaft und Philosophie in Tübingen und Paris studiert. Er ist aktiv im Netzwerk Plurale Ökonomik, das sich für einen neuen Blick auf unsere Wirtschaft einsetzt – in der Volkswirtschaftslehre an deutschen Universitäten genauso wie in wirtschafts- und sozialpolitischen Debatten. Zurzeit lebt, arbeitet und studiert er in München. Kontakt: patrick[at]relevant-magazin.de Marktverzagen erscheint zweiwöchentlich im Relevant Magazin.