Zu wahr um schön zu sein

„Germany’s Next Topmodel läuft wieder!“, freut sich meine Freundin die Existenzangst in Ausblick auf die Abendgestaltung. „Endlich kann ich wieder auf die makellosen Körper der Wettstreiterinnen eifersüchtig sein, während ich Chips vorm Fernseher esse.“

„Ach, warum denn neidisch werden?“, frage ich. „Du hast doch auch einen…Körper.“

„Sehr charmant.“, goutiert Kurt, mein Mitbewohner das Zögern in meinem letzten Satz.

„Ist euch schon mal aufgefallen, dass das Fernsehen voller hübscher Menschen ist?“, versuche ich schnell abzulenken. „All die Models, Schauspieler und Schauspielerinnen. Und natürlich all die heißen Sportmoderatorinnen. Da zahlt man auch gerne für das Pay-TV. Allesamt erfreulich für das Auge.“

„Stimmt“, findet auch Kurt, „und ist euch aufgefallen, dass in der Politik die unattraktiven Menschen sind? Außer vielleicht Christian Lindner und Sahra Wagenknecht.“

„Das ist doch positiv“, findet die Existenzangst. „Das beweist doch, dass Attraktivität nicht zwingend für den Erfolg im Leben verantwortlich ist. Das sollte vor allem dich freuen, Fabi.“

„Aber ich will doch gar nicht in die Politik“, entgegne ich.

„Das wäre auch gar nichts für dich“, meint Kurt, „dann müsstest du wie unser Bundespräsident Steinmeier eine Schildkröte adoptieren, obwohl du kaum für dich selbst…“

„Steinmeier hat Merkel adoptiert?“, frage ich überrascht.

„Ne, aber er hat die Patenschaft für eine auf den Galapagosinseln lebende Schildkröte übernommen, als Zeichen für die Artenvielfalt“, klärt mich meine Freundin auf. „Das ist doch schön. Und als nächstes nimmt er noch drei Flüchtlingskinder im Schloss Bellevue auf.“

Wir lachen.

Wer zuletzt lacht

Kurt findet als erster die Sprache wieder: „Die Schildkröte lebt ja weiterhin in ihrer Heimat. Also würde Steinmeier höchstens die Patenschaft für drei syrische Kinder übernehmen, solange sie in Syrien bleiben.“

„Das ist doch die Lösung!“, ruft die Existenzangst. „Unsere Politiker übernehmen einfach die Patenschaften für das gesamte Ausland und keiner kommt mehr zu uns…“

„Warum auch“, findet Kurt, „wer geht denn freiwillig zu hässlichen Menschen? Wenn nicht mal Schildkröten das wollen.“

„Drei Schildkröten haben gestern Abend mutmaßlich eine Katze vergewaltigt“, mime ich einen Nachrichtensprecher, „bis jetzt geht die Polizei jedoch von einem Einzelfall aus.“

„War es eine Perser-Katze?“, fragt Kurt und ruft mit gespielter Empörung, „das verschweigen uns die System-Medien mal wieder. So wie die Perser-Katzen rumlaufen, wollen die es doch nicht anders!“

„Jungs, wir kommen vom Thema ab“, versucht unsere Mitbewohnerin den Eifer an Albernheit zu bremsen.

Das innere Model

„Dann fasse ich das mal so zusammen“, sage ich zusammenfassend, „wir schauen hübschen Menschen gerne dabei zu wie sie völlig sinnfreie und für unser gesellschaftliches Zusammenleben völlig nichtige Dinge machen, wie ein leicht bekleidetes Fotoshooting in 150 Meter Höhe, aber schalten weg, wenn alte und unattraktive Menschen über unsere Zukunft entscheiden, wie Rüstungsausgaben, Rentenkürzung und Bildungsdestabilisierung.“

„Genau.“

„Richtig“, sagt Kurt, „stell dir vor, in der Politik und der Wirtschaft säßen hübsche Menschen. Wir würden uns wie auf Instagram dauernd für sie und ihr Handeln interessieren. Das wäre gar nicht gut für deren Geschäfte und ihre Pläne. Hässlichkeit ist die beste Tarnvorrichtung. Und auch noch kostenlos.“

„Und was machen wir jetzt heute Abend?“, frage ich, weil mir die Lust auf das Fernsehen irgendwie vergangen ist.

„Wir setzen eine Petition für mehr Attraktivität im Bundestag und der freien Wirtschaft auf“, schlägt die Existenzangst vor. Wenn wir genug Unterschriften bekommen, dann müssen unsere Politiker darüber zumindest kurz debattieren.“

„Das wäre zu komisch“, grinst Kurt fast schon diebisch, „wenn unsere werten Regenten über ihre eigenen Visagen debattieren müssten…“

„…die Bäuche und Glatzen nicht vergessen“, schiebt meine Freundin ein.

„Aber jetzt mal Spaß beiseite“, werfe ich ein, „geht es vor allem in Bezug auf unsere Gesellschaft nicht um innere Werte, eine innere Schönheit, diese Eleganz durch Ausstrahlung?“

Wir lachen.

 


Unser Autor Fabian wohnt seit geraumer Zeit in einer WG mit seinem Kumpel Kurt, der gelegentlich zu Übertreibungen neigt und für Krawall jederzeit zu haben ist.
Seit einigen Monaten hat sich die Existenzangst zu den beiden gesellt, die inzwischen auch ein amouröses Verhältnis mit unserem Autor unterhält. Alle drei mögen Kaffee und Wein.

Die drei unterhalten sich immer wieder über politische Themen oder Alltagssorgen und -nöte in einem völlig sinnfreien Universum.


 

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Article by Fabian Schütz

Geboren in der Nähe von Augsburg, aufgewachsen ohne Verstand aber mit sehr lieben Eltern, hat traurige Berühmtheit als Klassenclown erlangt. Danach Buchhändler, dann Student des Journalismus und hat die Liebe zur Kunst entdeckt. Die Kunst des Blödsinns. Seitdem hat er beschlossen die Menschen um sich zum Lachen zu bringen. Er mag keinen Rosenkohl, Hitler und Katzen. Er glaubt das sei die Dreifaltigkeit aus der Hölle.