Zwerge in Zeit und Raum

Gartenzwerge

Zwerge in Zeit und Raum

„Ich glaube, wir sind in einer Zeitschleife gefangen“, sagt Kurt.

Wir räumen gerade die letzten Umzugskartons aus. Die Existenzangst ist noch unter der Dusche. Seit meiner Liaison mit ihr fühlt sich mein Mitbewohner etwas vernachlässigt.

„Wie kommst Du jetzt darauf?“, frage ich und wundere mich darüber, was wir so alles an Kram haben. Vor allem über die etwas seltsamen Gartenzwerge, obwohl wir gar keinen Garten haben.

„Wir stehen morgens auf, duschen, trinken Kaffee, gehen zur Arbeit und abends wieder heim. Wir essen, gucken fern und gehen schlafen. Am nächsten Tag geht alles von vorne los“, analysiert Kurt unseren Alltag.

„Naja, einen gewissen Rhythmus braucht doch der Mensch. Das Leben ist nun mal keine Abenteuer-Fernseh-Serie. Soviel an Abwechslung könnte auch kein Mensch ertragen“, sage ich. „Ab und an treffen wir uns doch auch mit Freunden.“

“Das ist Routine, nur unterbrochen von Werbeblöcken, wenn uns andere von ihrem tollen Leben vorschwärmen. So stumpfen wir ab. Hecheln den Terminen, die uns andere aufbürden hinterher und ein jeder glaubt, was er tut sei wirklich wichtig. Der Höhepunkt ist ein Netflix-Abend mit etwas Wein. Oder der Jahresurlaub mit dem dann noch ein dreiviertel Jahr alle Bekannten genervt werden.“

„Hm“, antworte ich, „und Du glaubst mal wieder, dass gar nichts wichtig ist, was irgendwer tut?“

 

Nur das Selbst findet sich bedeutend

 

„Genau, alles was wir tun, ist austauschbar, beliebig und abgesehen von sozialen Berufen total unnütz. Was willst Du auf einer einsamen Insel oder nach der großen Apokalypse mit einem BWLer, einem Hedgefonds-Manager und einem Influencer anfangen? Wie nützlich könnten die sein? Ganz zu schweigen von den ganzen PR-Strategen, Werbefuzzis und Fußballern.“

„Wie nützlich sind diese drei Dutzend Gartenzwerge?“, entgegne ich und öffne noch einen weiteren Karton. Drei der Gartenzwerge zeigen mir den Mittelfinger, vier andere ihren Hintern und sechs weitere haben Fackel und Mistgabel.

„Das ist der stille Protest der kleinen Männer!“, erklärt Kurt. „Ein wütendes Mahnmal, das uns jeden Morgen daran erinnern soll, dass unsere Rechtfertigung der Existenz nur ein selbst erdachtes Konstrukt ist. Wir sind stumme Zwerge in einem Universum, das nur sich selbst als Zweck hat und wir nur zufällig und vorübergehend Teil sind. Eine Momentaufnahme, nicht mehr als ein Instagram-Post.“

„Ich verstehe. Du meinst, dass alles was wir tun nur Inszenierung um unserer selbst willen ist. Ohne Mehrwert und wir der Vergänglichkeit jeden Tag näher kommen bis wir – wie all die Milliarden Menschen, die vor uns lebten – völlig vergessen sind.“

„Ja“, sagt Kurt knapp und stellt einen Gartenzwerg mit Sense und schwarzer Kapuze bekleidet auf unseren Tisch.

“Kannst du mal nachsehen, ob in einer der Kartons vielleicht auch ein wenig Lebensfreude und Frohsinn drin ist?”, frage ich. Kurt erscheint mir heute merkwürdig deutsch. Nicht nur wegen der Gartenzwerge.

Die Existenzangst kommt aus dem Bad und fällt über 13 Gartenzwerge mit nach oben gereckten Fäustchen. „Vorsicht!“, ruft Kurt, „die kleinen Männer bringen das System ins Wanken!“

 

Existenz muss sich wieder lohnen

 

Die Existenzangst rappelt sich langsam wieder auf. Ich eile ihr zur Hilfe. „Sorry, Liebes, aber wir sind in einer Zwergschleife gefangen.“

Zwei der Gartenzwerge halten ein Banner hoch auf dem steht „Existenz muss sich wieder lohnen!“

„Können wir unsere Wohnung nicht wie normale Menschen einrichten?“, frage ich und führe die Existenzangst vorsichtig zum Stuhl am Esstisch. Dort steht neben dem Tod-Gartenzwerg inzwischen auch eine Gartenzwergin im Bikini, die von drei farbigen Gartenzwergen bedrängt wird.

„Was soll der Quatsch? Wo hast du diese Figuren überhaupt her?“, frage ich empört und verwirrt zugleich.

„Sonderanfertigungen. Normal bringt gar nichts, dann können wir gleich in einem Ikea-Katalog nisten. Geschichte schreibt nur alles abseits der Norm. Unsere Wohnung soll Sinnbild der Menschheit sein. Klein, wütend, rassistisch und dumm. Das ist ein ganzes Geschichtsbuch in vier Adjektiven!“

„Das ist vor allem polemisch, polarisierend und absolut unfair. Mutter Theresa, die Geschwister Scholl oder Matin Luther King; all diese Persönlichkeiten haben doch gezeigt, zu was ein Mensch auch fähig sein kann“, erwidere ich und schiebe einen betrunkenen Gartenzwerg mit roten Backen, Säufernase und Weinglas beiseite.

 

Geschichte: Enzyklopädie des Irrsinns

 

„Ist das mit echtem Wein gefüllt?“, fragt die Existenzangst und probiert von dem Gartenzwerg.

„Aber letztlich waren auch sie nur eine Randnotiz. Die entscheidenden Teile der Geschichte haben Irre, Despoten, Tyrannen und anderweitig mit schweren Komplexen behaftete Menschen geschrieben. Religion und Politik, Wirtschaft und Werbung – die Illusion der Vereinbarkeit von Leben und Glück – haben unsere Gesellschaft stets gespalten“, argumentiert Kurt.

“Ich finde Werbung gar nicht so illusorisch. Wenn mich ein Spot mit den Worten “dann geh’ doch zu Netto!” anbrüllt, finde ich das eigentlich total ehrlich. Wutkapitalismus. Das verstehen Wutbürger. Sie versprechen mir günstige Preise – eine einfache Antwort auf die steigende Armut – aber dann soll ich ihnen gefälligst auch gehorchen.”

“Da ist was dran”, gibt Kurt zu, “aber dein Leben wird nicht besser nur weil Du einen 400 PS starken SUV fährst oder ganz günstig deine Tiefkühltruhe, die hervorragend zu den Gardinen passt, mit Hackfleisch vollstopfen kannst.”

Die Existenzangst reicht mir den Gartenzwerg. Auch ich nehme einen kräftigen Schluck und gieße anschließend nach.

„Aber warum müssen wir deshalb unsere Wohnung mit äußerst schrägen Gartenzwergen bestücken?“

„Wenn die Gesellschaft wie wir sie kennen bald scheitert, dann sollen die Gartenzwerge als letzte Überlebende und stumme Zeitzeugen sinnbildlich vor den Fehlern unserer Generation warnen!“

„Aha“, sage ich und nehme einer Gartenzwergin, die ein paar Schmink-Utensilien in der einen Hand hält, aus der anderen mein Smartphone weg. „Du willst also, dass die Nachwelt sich an dich erinnert, als den Menschen, der anstatt irgendwas Sinnvolles zu tun, einen Haufen gruseliger Gartenzwerge hat anfertigen lassen“, stelle ich das Offensichtliche fest.

„Und dabei noch mehr Arbeitsplätze geschaffen hat als die große Koalition“, lächelt Kurt beunruhigend ruhig und streichelt den Tod-Gartenzwerg.

Die Existenzangst und ich trinken weiter aus dem Säufer-Gartenzwerg. Die Szenerie von drei Personen inmitten einer Horde an Gartenzwergen, deren Mittelpunkt der Tod ist, ist selbst mit Wein nur schwer erträglich.

 

Der Sinn des Unsinns

 

„Wenn wir aber, wie du glaubst in einer Zeitschleife gefangen sind, dann endet auch die Menschheit nicht“, halte ich dagegen, voll Freude meinen Mitbewohner jetzt an die Wand argumentiert zu haben.

„Ja“, sagt Kurt und öffnet uns noch eine Flasche Wein. „Nur das Ende unserer Gesellschaft kann diese Zeitschleife durchbrechen und für einen Neuanfang sorgen. Sonst leiden wir bis in alle Ewigkeit in der Hölle der realen Existenz.“

Das Gespräch wird mir langsam etwas düster. Selbst die Existenzangst ist blasser als gewöhnlich.

„Die NRA (No Reality Anymore, Anm. des Autors) hat bereits den Untergang eingeläutet. Wir unterwandern die Strukturen des Erwartbaren. Jeder neue Abgabetermin, der nicht eingehalten wird, jeder Werbespot, der nicht ausgestrahlt wird und jeder unfähige Politiker, der einen neuen Posten erhält, besiegeln das Ende. – Das Schöne an Zeitschleifen ist ja: Wir können warten. Wir haben Zeit.“

Mehr zu No Reality Anymore:

„Das ergibt überhaupt keinen Sinn“, stelle ich fest.

„Genau“, sagt Kurt stolz. „Es macht keinen Sinn. Endlich hast Du es erfasst!“

Den restlichen Abend trinken wir noch solange Wein, bis die Existenzangst und ich mit jedem Gartenzwerg einmal angestoßen haben. Als ich mir dann unsere Unterhaltung nochmal Revue passieren lasse, ergibt alles plötzlich einen Sinn. Verängstigt kuscheln wir uns in mein Bett zu acht Gartenzwergen, die verschiedene Szenen aus „Adam sucht Eva“, „Dschungelcamp“ und „Shades Of Grey“ darstellen.

Ich werde heute mal ein ernstes Wort mit Kurt sprechen, denke ich nach dem Aufwachen auf dem Weg in die Küche.

“Ich glaube, wir sind in einer Zeitschleife gefangen”, sagt mein Mitbewohner.

Article by Fabian Schütz

Geboren in der Nähe von Augsburg, aufgewachsen ohne Verstand aber mit sehr lieben Eltern, hat traurige Berühmtheit als Klassenclown erlangt. Danach Buchhändler, dann Student des Journalismus und hat die Liebe zur Kunst entdeckt. Die Kunst des Blödsinns. Seitdem hat er beschlossen die Menschen um sich zum Lachen zu bringen. Er mag keinen Rosenkohl, Hitler und Katzen. Er glaubt das sei die Dreifaltigkeit aus der Hölle.

Comments: no replies

Join in: leave your comment